Orte der Trauer – Forschungsarbeit an der Universität Passau

Im Kontext von Sterben, Tod und Trauer unterliegt unsere Gesellschaft typischen Handlungsabläufen. Viele davon werden von rituellen Neuschöpfungen abgelöst. Am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Passau wird in einer Studie untersucht, welche Effekte der gesellschaftliche Wandel auf Trauerhandlungen hat. Interview mit Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler.

STEIN: Inwiefern sind wir gesellschaftlich geprägt, zu trauern?

Matthias Meitzler: Aus unserer Sicht ist Trauer eine normative Einstellung – also etwas, das über die Sozialisation vermittelt wird. Menschen sehen das als natürliche Trauerhaltung an, was aber faktisch nicht stimmt. Das sehen wir, wenn wir verschiedene Kulturen vergleichen: Es wird unterschiedlich getrauert – und früher wurde auch anders getrauert. Es gibt also gesellschaftliche Muster zu trauern.

S: Welche Bedeutung hat der Friedhof als Ort der Trauer?

Thorsten Benkel: Heute werden dem Friedhof ganz unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Wir merken in unserer Forschung: Für die einen ist er ein ganz wichtiger Ort – sie brauchen das Grab für ihre Trauer. Es gibt aber auch Menschen, die sagen, für mich hat der Friedhof diese Rolle nicht. Weil es ein unpersönlicher oder auch streng reglementierter Ort ist, da kann ich mein subjektives Trauerempfinden nicht ausleben. Manche brauchen keinen festen Ort für ihre Trauer – denn sie tragen sie immer bei sich. Insgesamt ist der Friedhof nach wie vor ein wichtige Adresse, wenn es um Abschied, Trauer und Erinnerung geht. Aber es gibt eben mittlerweile auch andere Orte, die ähnliche Funktionen erfüllen können.

S: Welche alternativen Orte der Trauer gibt es?

M.M.: Räume wie das Internet nehmen als Ort der Trauer immer mehr an Bedeutung zu. Der virtuelle Raum hat eine immaterielle Dimension, die viel flexibler handhabbar als das klassische Grab auf dem Friedhof. Als Trauerort wird das Internet derzeit vor allem von Menschen genutzt, die mit diesem Medium aufgewachsen sind, und für die es ohnehin eine wichtige Rolle im Alltag spielt.

S: Inwiefern werden Steinmetze in die Forschungsarbeit mit einbezogen?

M.M.: Grundsätzlich sind wir sehr an der Expertise und den Erfahrungen von Steinmetzen interessiert. Deshalb haben wir schon mit einigen von ihnen gesprochen und u.a. danach gefragt, inwieweit veränderte Kundenwünsche sich auf das Berufsfeld auswirken.

S: Welche Erkenntnisse haben sich daraus bereits ergeben?

T.B.: Wir sprechen vom Trend der Individualisierung. Menschen ist es zunehmend wichtiger, individuell zu sein, auch im Bereich des Sterbens. Es geht nicht mehr so sehr darum, was im Jenseits kommt, der Blick ‚nach vorne‘ verliert an Bedeutung. Wichtiger ist: Was ist das für ein Mensch gewesen, was hat ihn ausgezeichnet? Und: Wie kann man eine individuelle Lebenswelt bzw. Lebensleistung in ein Grabformat übersetzen?

Da sind Steinmetze gefragt – da geht es in der Tat darum, mit den Angehörigen in Dialog zu treten: Was ist das eigentlich für ein Mensch gewesen – und wie kann ich das mit meinem Handwerk kreativ umsetzen?

Das vollständige Interview lesen Sie in der Stein 11/2017.

Hinweis: Im Zuge Ihrer sozialwissenschaftlichen Forschung haben Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler eine Online-Umfrage eingerichtet, die sich an Menschen mit Trauererfahrung richtet. Die Umfrage ist anonym und kann in etwa 20 Minuten beantwortet werden. Die Ergebnisse sollen im nächsten Jahr der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Wenn Sie an der anonymen Studie teilnehmen möchten, erhalten Sie Zugang unter: www.soscisurvey.de/trauern.