Grabmalkultur Friedhofsoziologen

 

Der Friedhof prägt nicht nur den Beruf vieler Steinmetze und Steinbildhauer, sondern auch die Forschungen der beiden „Friedhofssoziologen“ Matthias Meitzler und Thorsten Benkel. Auf knapp 1.000 deutschsprachigen Friedhöfen waren die beiden Wissenschaftler bereits unterwegs, um an Grabsteinen und deren Gestaltungen gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse und Tendenzen zu entlarven. Im Interview mit STEIN berichten die beiden von Ihrer Arbeit und davon, ob und wie sie einen Wandel in der Friedhofsästhetik und –reputation wahrnehmen.

In Ihren Büchern „Game over“ und „Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe“ haben Sie sich für eine recht humorvolle Herangehensweise an ein ernstes Thema wie dem Tod entschieden. Warum?

MM: Die beiden Bücher sind eigentlich Nebenprodukte unserer wissenschaftlichen Arbeiten. Wir haben vorher schon Bücher über den Tod verfasst und auch danach, haben aber während der Arbeit gemerkt, dass manche Grabsteine tatsächlich einen gewissen Unterhaltungsfaktor haben. Wir haben uns dann entschieden, mit dem KiWi-Verlag zu zeigen, was sich alles so tut. Und das wollten wir nicht wie in einem Lehrbuch machen, sondern mit einer gewissen Lockerheit, aber auch mit einer Art Verneigung, als Hommage an die Kreativität.

Offenbar ist Ihnen das gelungen. Sie haben bisher 25.000 Bücher verkauft.

TB: Uns freut es natürlich, dass wir so viele Menschen erreichen können mit dem, was wir machen. Und wenn wir einen Effekt erreichen konnten, dass sich Menschen mehr Gedanken über die Friedhofskultur machen und sich zu fragen, was der Friedhof uns über das gesellschaftliche Zusammenleben sagt, ist das natürlich toll.

Woher kam Ihr Interesse an Friedhöfen als Forschungsschwerpunkt?

MM: Vor zehn Jahren gab es ein Seminar in Frankfurt an der Goethe Uni zum Thema Tod und Gesellschaft. Thorsten Benkel hat das geleitet und ich war damals sein Student. Zum Thema Tod gab es in der Soziologie bisher sehr wenig. Was kann die Soziologie zum Thema Tod sagen?

TB: Wir haben angefangen, zusammen zu arbeiten und erste Publikationen verfasst. Irgendwann kam die Idee, sich Friedhöfe – neben vielem anderen – anzuschauen. Und wir haben relativ schnell festgestellt, dass sich viel dazu sagen lässt, dass sich gesellschaftliche Wandlungsprozesse auf dem Friedhof abzeichnen und sehr viel Potenzial für weitere Forschungen besteht. Wir waren auch viel mit Menschen im Kontakt, die zum Thema Tod etwas sagen können, waren dabei, als Menschen obduziert wurden, im Krematorium, im Krankenhaus, im Hospiz…

Und Sie lagen sogar selbst schon in einem Sarg.

MM:Das Probeliegen im Sarg ist eher mit einem Augenzwinkern zu sehen. Das war keine Vorbereitung auf unser Ende – das mag hoffentlich noch ein wenig dauern –, sondern im Rahmen einer Bestattermesse.

Tatsächlich scheint es Grabsteine zu geben, auf denen „Hier liegt meine Dicke“ oder „Die Dummheit der Menschen hat mich umgebracht“ geschrieben steht. Gab es noch weitere solcher „Überraschungsmomente“ auf Ihren Reisen über Deutschlands Friedhöfe?

TB: Wir waren auf jeden Fall überrascht, als wir gesehen haben, welche extravaganten Grabsteine es gibt. Man hat ja das Bild von einem Friedhof vor Augen, auf dem alles gleich ist, wo es kaum Unterschiede gibt und vieles nicht erlaubt ist. Das mag auch teilweise zutreffen, kommt aber immer auch auf die Friedhofssatzung an.

Welche Trends lassen sich Ihren Beobachtungen nach erkennen?

TB: Generell fällt uns der Trend hin zu Pluralisierung und Individualisierung auf. Heute gibt es ganz viele Arten, auf ein Menschenleben zurückzublicken. Wie soll man sich an den Verstorbenen erinnern, wie soll sein Grab aussehen? Wir haben eine unglaubliche Vielfalt gesehen. Weg vom Uniformen und Kollektiven.

Gibt es regionale Unterschiede?

MM: Die regionale Unterscheidung ist weniger ausschlaggebend. Vielmehr die Unterscheidung zwischen Stadt und Land. Je größer die Stadt, desto mehr Pluralisierung in der Bevölkerung und desto mehr Individualität auf dem Friedhof. Die avantgardistischen Beispiele finden wir in Hamburg, Berlin, München. Alle Trends sickern über Jahre hinweg allmählich in die dörflichen Friedhöfe aufgrund verschiedener Mobilitätsbewegungen, und man kann natürlich sagen, dass aufgrund von kulturellen Traditionen die Adaption an den sozialen Wandel gehemmter ist.

Was bedeutet das in Ihren Augen für die Steinmetze?

TB: Die Steinmetze müssen reagieren und sich darauf einstellen, dass Menschen individuelle Wünsche haben, dass die Kreativität nicht mehr allein bei ihnen liegt, sondern dass die Leute auch mit eigenen Konzepten kommen. Und sie müssen über den Tellerrand schauen, sich einstellen auf völlig ungewöhnliche Formen, denn das wird immer häufiger gefragt sein.

MM: Die Entscheidung der Menschen für Gräber ohne Grabsteine sehen wir in weltanschaulichen Gründen. Die Leute sagen sich, dass nach dem Tod nichts von ihnen bleibt, weswegen sie auch keinen Grabstein brauchen. Oder die Hinterbliebenen sollen von der Grabpflege entlastet werden. Für uns ist das kein Wunder, denn es passt sehr gut zu den soziologischen Befunden des sozialen Wandels. Es gibt aber auch Fälle, in denen Menschen bereuen, dass sie keine Grabstätte für einen geliebten Verstorbenen haben. Der Grabstein ist ja durchaus eine Kulturstätte, der räumlichen Bezug gewährt und manchen Leuten nach ein paar Jahren fehlt. Er ist ein Display, um Lebensleistung darzustellen.

Trotz alternativer Bestattungsformen wird der Friedhof also in Zukunft relevant bleiben?

TB: In der Tat hört man ständig die Rede vom Sterben der Friedhöfe. Das halten wir für nicht zutreffend. Das ist nur dann zutreffend, wenn man den Friedhof als ökonomische Institution betrachten möchte. Aber er ist – aus unserer Sicht – natürlich viel, viel mehr: ein Kulturarchiv, eine Erinnerungsstätte, die grüne Lunge der Stadt, ein Besinnungsort, und zwar nicht nur für Trauernde. Wie alle gesellschaftlichen Institutionen ändert auch er mit der Zeit seinen Charakter.

Das Interview führte Carolin Werthmann.