Dringender Ruf nach politischen Vorgaben

Die Natursteinbranche braucht für Abbau und Verarbeitung ihrer Steine verbindliche Regeln, fordern Zertifizierer und Händler. Nachhaltig ist nur, was akzeptiert wird.

Spätestens mit dieser Aussage beeindruckte der Leipziger Architekt und Architekturprofessor der TU Dortmund Benedikt Schulz die Teilnehmer des diesjährigen Pressegesprächs über „Nachhaltiges Bauen mit Naturwerksteinen“, zu dem der Deutsche Naturwerkstein-Verband e.V. und Fair Stone e.V. nach Berlin eingeladen hatten. Und er gab die Leitthemen des Gesprächs vor: Akzeptanz und Nachhaltigkeit.

Zuvor hatte der Architekt bereits erzählt, wie er für die neue Kirche St. Trinitatis in der Leipziger Innenstadt eine 5.000 Quadratmeter große Fassade mit Rochlitzer Porphyr entworfen hatte, den mehrstufigen Architekturwettbewerb gewann und die Fassade mit diesem heimischen Naturstein in freien Längen mauern ließ. Rochlitzer Porphyer kommt aus dem Leipzig-nahen Rochlitz und wurde traditionell für Gebäude in der Stadt verwendet – die Arkadenbögen des Alten Rathauses sind beispielsweise aus diesem Stein gemauert.

Auch Schulz profitierte von der Nähe des Steinbruchs. „Die Steine wurden nach und nach von einem einzigen LKW geliefert“, sagte er. Die Entscheidung für den heimischen, roten Stein sei bereits ganz am Anfang seiner Wettbewerbsbeteiligung gefallen. Alternative Überlegungen zur Fassadengestaltung habe es für sein Büro nie gegeben, sagte Schulz und bekannte sich damit klar zur Verwendung von Naturstein für nachhaltiges Bauen.

Das wurde von den Vertretern der Natursteinbranche natürlich äußerst positiv aufgenommen, schließlich hatten sie gerade wieder sehen müssen, dass der Import von Natursteinen sehr kritisch gesehen wird. Die Fernsehsendung „frontal 21“ berichtete am 14. März 2017 von unhaltbaren Zuständen in asiatischen Steinbrüchen und prangerte an, dass Baumärkte nur selten Zertifikate von ihren Zulieferern verlangen.

Forderung nach einer „generellen Akkreditierung“

Für die Natursteinzertifizierer von Fair Stone e.V. ist das eine wenig differenzierte Sichtweise, die sie heftig kritisieren. Fair Stone vergibt Zertifikate nach strengen Regeln und wirbt dafür, dass eine übergeordnete Stelle, die die Anforderungen an die Zertifikate festlegt, in Deutschland eingerichtet wird. James Herrmann,  Geschäftsführer von Fair Stone e.V.,  ist dankbar, dass die Bundesregierung die „Siegelklarheitplattform“ Ende 2016 um die Kategorie Naturstein erweitert hat. „Als glaubwürdig wurden Fair Stone und die beiden Xertifix-Label eingestuft“, sagte Herrmann. Der nächste Schritt müsse eine „generelle Akkreditierung“ für Naturstein sein, die politisch gewollt und von der Politik festgelegt werde. „Ohne staatlich festgelegte Kriterien ist ein Siegel nicht glaubwürdig“, ergänzte Reiner Krug, Geschäftsführer des Deutschen Naturwerkstein-Verbandes. Krug weiter: „Man braucht einen Kriterienkatalog, was die Mindestanforderungen für ein Siegel sind.“

Walter Riester, ehemaliger Bundesarbeitsminister, gelernter Fliesenleger und seit langem Mitglied bei Fair Stone, fand den Ruf nach Politikern, die etwas regeln, naturgemäß richtig. Er definierte die Aufgabe der Politik: Sie solle „Normen, Regeln und Gesetze für Nachhaltigkeit“ schaffen. Deshalb erscheine ihm Akzeptanz sehr wichtig. Doch man müsse beachten, dass Akzeptanz ein Prozess sei und sich wandeln könne.

Dem widersprach Architekt Benedikt Schulz – zumindest für die Architektur. Für ihn stehe die Qualität von Architektur in einem direkten Zusammenhang zu ihrer Akzeptanz. „Denn was nicht akzeptiert wird, weil es keine Qualität hat, wird wieder abgerissen“, sagte Schulz. Und Reiner Krug vom Naturwerkstein-Verband ergänzte: „Wir bauen Häuser, deren Lebensdauer auf 20, 30 Jahre angelegt ist. Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit.“ Krugs Verband hat eine beeindruckende Nachhaltigkeitsstudie zu „Ökobilanzen von Fassadenkonstruktionen mit Naturstein und Glas“ vorgestellt. Fazit der umfangreichen Messungen und Bewertungen der Baustoffe Naturstein und Glas als Haupt-Fassadenelemente: Stein ist der umweltfreundlichere Baustoff, weil er nicht nur wiederverwertbar und äußerst langlebig, sondern auch gefahrlos in den natürlichen Stoffkreislauf zurückführbar ist. Außerdem ist seine Herstellung durch die Natur kostenlos, seine Bearbeitung und sein Transport sind energiesparend und sehr kostengünstig. Kritischen Verbrauchern empfiehlt der Verband, „Naturwerksteine aus europäischer Produktion zu verwenden, da diese mit Sicherheit ohne Kinderarbeit hergestellt werden. Sie sind auch aufgrund der kurzen Transportwege aus Umweltschutzgründen zu bevorzugen“.

Partner von Fair Stone, die das Siegel des Vereins tragen dürfen, weil sie sich einer Prüfung ihrer Produkte und deren Herstellung unterziehen, sehen das naturgemäß anders, handeln sie häufig doch mit Steinen aus Asien.

Keine Mehrkosten durch Zertifizierte Steine

Auch Walter Riester beschwor den positiven Effekt der Globalisierung für die deutsche Wirtschaft, forderte letztendlich aber wie alle, eine staatliche Stelle, die die Bedingungen für Zertifizierungen verbindlich festlegt. Dann hätten sich auch Fernsehbeiträge über unzumutbare Bedingungen in Steinbrüchen und Verarbeitungsbetrieben erledigt. Immerhin konnte die Sendung eine Befürchtung der Natursteinbranche entkräften: Für Privatkunden sind die Einhaltung von Arbeitsschutz und ökologischen Kriterien wichtig. Für die Sicherheit, dass sie eingehalten werden, würden sie für ihre Natursteine auch mehr bezahlen. Frank Dickmann, Geschäftsführer der Firma BESCO, die deutschlandweit Natursteine für öffentliche Projekte liefert, kann ihnen aus seiner Erfahrung versichern: Zertifizierte Steine sind nicht teurer.

Die Nachhaltigkeitsstudie des DNV ist  download- und nachlesbar unter:
https://www.natursteinverband.de/fileadmin/user_upload/pdfflash/Nachhaltigkeitsstudie/pdflash.html