Mein Stein, dein Stein, sein Stein

Das Verhältnis von Architekten und Natursteinfachleuten ist nicht immer frei von Konflikten. Doch der eine kann ohne den anderen nicht. Und das eine geht ohne das andere nicht: Gute Architektur entsteht nur in der Zusammenarbeit von Architekten und Handwerkern. Wer mit Naturstein baut, baut mit einem Architekten; meistens jedenfalls. Wenn es um die Wahl der Steine geht, ist der Architekt für die »Leute vom Stein« die professionelle Bezugsfigur. Auswahl, Einsatz, Formate und Formen, der Architekt berät den Bauherren, wo, wie und vor allem welcher Stein zum Einsatz kommt.

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Architekten haben, vor allem bei hochwertigen öffentlichen Bauaufgaben, den größten Einfluss, wenn es um die »Materialentscheidung« geht. Und: Architekten sind Meinungsmacher. Architekten bestimmen (mit) über die Moden der Steine. Sie »hypen« Materialien und lassen andere in Vergessenheit geraten. Architekten machen Markt.

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Bild: Beratung durch den Steinmetzen ist wichtig: Pakistanischer Onyx mit dem Lager (oben) und gegen das Lager (unten) geschnitten. Nicht nur das optische Erscheinungsbild ändert sich, auch die technischen Eigenschaften variieren. Mit dem Lager oder gegen das Lager geschnitten: vor allem der Abriebwert der Steine ändert sich.

Travertino Romano – zum Beispiel. Travertin war bis in die 1970er-Jahre der »angesagte« Stein, wenn es in Deutschland ein bisschen »italienisch« sein sollte. Dann war Schluss mit »Dolce Vita«! Die hellen Steine aus Tivoli hatten ausgedient. Die Granite übernahmen – dank ihrer technischen Vorteile – die Vormachtstellung. Mitte der 1990er-Jahre bekleidete dann der amerikanische Stararchitekt Richard Meier die Fassaden des »Getty Centers« in Santa Monica bei Los Angeles mit Krustenplatten aus »Römischem Travertin«; mit dem Lager gespalten, gegen das Lager gestoßen.

Plötzlich war Travertin bei Architekten wieder angesagt: 50 Jahre nach Emil Fahrenkamps Shellhaus in Berlin entstanden in der neuen alten Hauptstadt wieder vorgehängte, hinterlüftete Fassaden aus Travertino Romano: das »Außenministerium der Bundesrepublik Deutschland«, ein »Maritim Hotel« und vor wenigen Jahren der Gebäudekomplex »Upper Eastside« an prominenter Stelle an der Prachtstraße »Unter den Linden«. Ein Stein machte Karriere; dem Architekten Meier sei Dank. Ähnliche Beispiele gibt es für eine ganze Reihe von Materialien. In der Kulturwissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von gesunkenem Kulturgut. Die Formen, Stile und Materialien der Stars werden von der »Volkskunst« übernommen. Bei der Wahl der Steine ist dies bis heute nicht anders.

Lesen Sie mehr zur Zusammenarbeit von Architekt und Handwerker in STEIN im Dezember 2013.

Autor: Piero Primavori