Neue Studie: Was hält Jugendliche vom Handwerk fern?

Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat 1.700 Jugendliche befragt, um herauszufinden, was Handwerksberufe attraktiver machen kann.



Status und Ansehen, sie sind laut der Studie die Einflussgröße Nummer eins bei der Berufswahl. Weil sich die Zahl unbesetzter Lehrstellen im gesamten Handwerk von 2009 bis 2017 verdreifacht hat, wollte das Bundesinstitut für Berufsbildung mit der Befragung herausfinden, welche Faktoren für Jugendliche bei der Berufswahl auschlaggebend sind.
Der Wichtigste laut Studie: Status und Ansehen des Berufs im sozialen Umfeld, also in der Familie und bei Freunden. Nur 17 Prozent der befragten Jugendlichen (und dabei 27 Prozent der Jungen und 7 Prozent der Mädchen) können sich vorstellen, einen handwerklichen Beruf zu lernen. Und selbst wenn sie es können, befürchten sie, mit dem Beruf nicht in ihrem Umfeld zu punkten, und nehmen davon Abstand.

Kein Handwerker in der Familie, keine Affinität zu den Berufen

Das ist für ausbildende Betriebe vor allem deshalb eine Herausforderung, weil viele Elternhäuser selbst keine Verbindung zum Handwerk haben und ihre Kinder am liebsten studieren sähen. In der Studie heißt es zur Beeinflussung des Umfeldes auf das Image des Handwerks bei den Jugendlichen:

Rechnerisch am stärksten ausgeprägt (im Schnitt 71 Punkte auf einer Perzentilskala von 0 bis 100) ist die Affinität der Schüler, das Handwerk als späteres Tätigkeitsfeld in Betracht zu ziehen, bei männlichen Jugendlichen, von denen zumindest ein Elternteil selbst eine Handwerkslehre durchlief, in deren näheren Verwandten- und Bekanntenkreis zugleich viele weitere Handwerker zu finden sind und deren Eltern von ihnen weder ein Abitur noch ein Studium erwarten.

Umgekehrt ergibt die Studie auch, dass Jugendliche, die über ihr Umfeld keinen Kontakt zum Handwerk haben, kaum etwas über Handwerksberufe und ihre Tätigkeitsanforderungen wissen.

Bei der Berufsorientierung auf Lehrlinge setzen

Das kann ein Ansatzpunkt sein, denn handwerkliche Tätigkeiten passen per se gut zu den beruflichen Wünschen, die Jugendliche hegen: Abwechselung und kreative oder technisch anspruchsvolle Arbeit. Besonders letzteres – dass das Handwerk sich in den letzten Jahren gewandelt hat und viel mit innovativen Technologien arbeitet – geht an vielen Schülern bislang vorbei. 

BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser sagt, dass die Berufsorientierung in den Schulen deshalb nicht nur über das Handwerk informieren, sondern vor allem Identifikationspotenzial bieten muss – etwa, indem die Berufsorientierung von Azubis mitgestaltet wird.

Ein Beispiel dafür ist die erfolgreiche Initiative der Freiburger Handwerkskammer: Lehrlinge verschiedener Gewerke – auch Steinmetze und Steinbildhauer – gehen als sogenannte Ausbildungsbotschafter an allgemeinbildende Schulen. Dort werben sie authentisch für ihre Berufe.

Und die Eltern sind entscheidend: 

Wie STEIN in Ausgabe 06/2018 im Ausbildungsspezial schrieb, ist ein zentrales Problem, dass die Gesellschaft die berufliche Bildung wenig wertschätzt. Der jahrelange Hang zur Akademisierung trägt Früchte. Frei nach dem Motto „Wenn aus dem Kind was werden soll, muss es an die Uni“, landen dort inzwischen häufig auch junge Menschen, für die eine Ausbildung vielleicht der erfüllendere Berufsweg wäre – aber eben nicht der angesehene.

Vorteile für Azubis schaffen, die denen der Studenten ähneln

Gleichzeitig bekommen immer mehr Jugendliche eine Studienberechtigung.  Ausbilder müssen also auch Jugendliche mit höheren Schulabschlüssen erreichen, die studieren könnten. – Und deren Eltern. Denn solange diese die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung anzweifeln, werden sie weiter zum Studium raten.

Esser schlägt vor, durch Imagekampagnen deshalb verstärkt auf Karrierewege aufmerksam zu machen. Das Berufsziel „Unternehmer“ müsse hervorgehoben werden. 

Ein weiterer Ansatzpunkt ist, die reellen Bedingungen während der Ausbildung anlog zu den Vorteilen für Studenten zu verbessern. Dabei ist besonders die Politik gefragt: Günstige Wohnheime und überregional gültige Azubi-Tickets würden vielen Jugendlichen schon weiterhelfen.

Die Studie BIBB REPORT, Heft 5/2018: Was eine Berufsausbildung im Handwerk attraktiv macht steht auf der Seite des Bundesinstitut für Berufsbildung als PDF mit 20 Seiten kostenlos zum Download zur Verfügung. Sie fragt zuerst allgemeine Aspekte ab, später auch neun konkrete Berufe (Anlagenmechaniker, Augenoptiker, Elektroniker, Feinwerkmechaniker, KFZ-Mechatroniker, Maler und Lackierer, Maler, Metallbauer und Tischler). Der Beruf des Steinmetz wird nicht konkret abgefragt, dennoch legen die Zahlen zur Ausbildung nahe, dass die Ergebnisse ebenso für diesen Beruf aussagekräftig sind.