Skulptur des Monats: Märchenkunst

Stein Magazin

„Er probierte und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.“
Der goldene Schlüssel (1815), Jacob und Wilhelm Grimm

Wenige Zeilen, gerade mal eine halbe Seite, füllt das Märchen der Gebrüder Grimm vom Goldenen Schlüssel, in dem ein Junge zur Winterszeit einen Schlüssel und ein eisernes Kästchen mitten im Schnee findet. Was wohl darin sein mag, fragt sich nicht nur der Junge, sondern auch der Leser, doch erfahren wird er es nicht; die Erzählung endet und hinterlässt eine Leerstelle frei zur Interpretation. Wenn die Aufgabe nun ist, die Geschichte als Kunst im öffentlichen Raum zu visualisieren, besteht die Herausforderung darin, aus geschriebenem Wort ein Bild zu schaffen und das Charakteristische eines Textes – seine Zeitlichkeit und Narration – in den simultanen Eindruck eines Bildes zu übersetzen.


Der goldene Schlüssel von Ralf Ehmann befindet sich in Hanau an der Ecke Kölnische Straße/Am Markt. Foto: Künstler

Genau dieser Aufgabe widmete sich der Künstler und Bildhauer Ralf Ehmann, als er für den Hanauer Märchenpfad seine Skulptur zum Märchen vom Goldenen Schlüssel entworfen hat. Im Frühjahr 2015 rief die Stadt Hanau im Rahmen eines bundesweiten Wettbewerbs dazu auf, Entwürfe zu einem oder mehreren von zehn ausgewählten Märchen der Gebrüder Grimm einzureichen. Eine Fachjury entschied über die besten zehn visualisierten Ideen, darunter die Skizze von Ralf Ehmann, die schließlich am 19. April 2016 an der Kölnischen Straße in Hanau der Öffentlichkeit als vollendete Skulptur präsentiert wurde. Ehmann war einer von 73 deutschen Künstlern, die zusammen etwa 170 Entwürfe zum Wettbewerb einreichten. Anlass dazu bildete der Wunsch der Hanauer Bürger, Kunst im öffentlichen Raum in der Geburtstag der Grimms umzusetzen. Die Geburtstage der Brüder im Februar und April, die sich zum über 220. Mal jähren, wurden als Rahmen für die Vorstellung der fertigen Skulpturen erklärt. Seit Beginn dieses Jahres veröffentlichen die ausgewählten Künstler zusammen mit der Stadt jeden Monat ihre Arbeiten. Sponsoren übernahmen die Kosten für die Skulpturen und jeweils einen Sockel.

Das etwa 1,20 Meter hohe, auf einem Sockel angebrachte Werk zeigt den Jungen des Märchens mit dem gefundenen Kästchen in den Händen, er hält es auf der Höhe seines Kopfes, an ihm selbst lehnt der Schlüssel in überdimensionierter Größe. Vorgaben, wie die Skulptur auszusehen hätte, gab es keine. Allein der Text bot die Grundlage und enthielt in seiner Knappheit nur eine begrenzte Anzahl an Elementen, die das Märchen durchweg bestimmen. Für Ehmann war daher klar, dass der Schlüssel eine zentrale Rolle in der Skulptur spielen müsste, um den Wiedererkennungswert des Märchens in der Skulptur zu garantieren. „Ich glaube, es ist wichtig, die Märchen erkennbar zu machen, auf Details zu achten, die eine Bedeutung tragen. So rückt man Elemente ins Auge des Betrachters“, erklärt Ehmann. Der Schlüssel und das Kästchen sind die Attribute des Märchens wie für Schneewittchen der Apfel. Doch wie die Elemente in der Figur zum Tragen kommen, hängt von der interpretatorischen Auffassung des Künstlers ab. Eingrenzen würde ein Text als Grundlage für die bildhauerische Arbeit daher nicht, so Ehmann. Vielmehr erweitere sie den künstlerischen Prozess und gewähre neue Einblicke. „Am Anfang dachte ich noch ‚Na ja, Märchen, funktioniert es überhaupt, hierfür eine Skulptur zu machen und das umzusetzen. Aber gerade beim Goldenen Schlüssel fand ich es dann sehr schön, weil es so kurz ist und inhaltlich natürlich sehr interpretierbar. Sie können da viel hineindeuten.“

Der Text bot die inhaltliche Basis, die Skizze und das darauf folgende Modell aus Gips die formale. Das Material, das Ehmann schließlich für die Skulptur verwendete, war Marmor. Er zeichnete mit Grafitstift auf dem Stein vor, stimmte die Proportionen nach seinen Vorstellungen ab und begann dann damit, die Arbeit mit Hammer und Meißel rauszuschlagen. Skulpturen für den öffentlichen Raum zu schaffen sei für Ehmann als Künstler sehr spannend, gerade auch, weil das Werk der individuellen Wahrnehmung der Passanten ausgesetzt ist, die allesamt  ihre eigenen Wahrheiten zu dem Werk herstellten. In diesem Sinne kommt die Skulptur dem Wesen des Textes vom Goldenen Schlüssel, seinem interpretatorischem Potenzial, sehr nahe: Auch hier bleibt jedem Leser eigens überlassen, wie er die wenigen angebotenen Elemente deutet, wie er die Geschichte aufgreift, die nicht nur kurz ist, sondern deren Ende auch unvollständig bleibt.

Erfahren Sie hier mehr zum Künstler und seiner Arbeit.

Könnte dich auch interessieren

Baustelle Alter

Stein Magazin

Immer mehr Altbauten werden barrierefrei und sturzsicher umgebaut. Denn viele Rentner sind heute in der Lage, sich ein komfortables, modernes Ambiente zu leisten – und sie geben ihr Geld gern dafür aus. Für Steinmetze eröffnet dieser Trend neue Geschäftsfelder. Dabei kann ein Handwerkerverbund sinnvoll sein.

barrierefreies-bauen-baustelle-alter
Wer auch im Alter in seinem Zuhause bleiben will, muss in der Regel umbauen und braucht Handwerker. (Foto: iStock)
barrierefreies-Bad
Barrierearme Bäder sehen elegant aus. Hier wird das Duschwasser in einem schmalen, umlaufenden Schlitz abgeführt. (Foto: baqua)
barrierefreie-Dusche
Frei von Stolperfallen: barrierefreie Bäder erleichtern älteren Menschen den Alltag. (Foto: baqua)

Fachplaner für altersgerechte Bäder

Nach Schätzungen von Fachleuten müssen zwischen 2,5 und drei Millionen Wohnungen generationengerecht nachgerüstet werden. Eines der häufigsten Projekte bei der Wohnraumanpassung oder Wohnumfeldgestaltung für Senioren ist die Umgestaltung des Bads. Der Trend zu schicken, barrierefreien Bädern birgt auch für Steinmetze Potenzial. Das Natursteinwerk Rechtglaub-Wolf GmbH in Lübeck hat dies erkannt. „Das große Thema sind barrierefreie Badezimmer und vor allem Duschen“, erklärt Geschäftsführer Stefan Wolf.

Der Steinmetzbetrieb Illenberger Steinmetz GmbH aus Nattheim-Steinweiler besitzt das Zertifikat „Leichter Leben“. Das Unternehmen hat sich auf das barrierefreie oder barrierearme Wohnen spezialisiert. Die teilnehmenden Betriebe erhalten in einem eintägigen Zertifizierungsseminar wichtige Informationen über Gesetze und Normen, zu Beratungsstellen und Finanzierungshilfen, zu Krankheitsbildern und körperlichen und geistigen Handicaps. Die Schulungsinhalte zielen auf den Neu- und Umbau von Privatbädern.

Barrierefreie Verkaufsräume und guter Service

Es genügen kleine Umstrukturierungen, um die Potenziale des Seniorenmarkts zu nutzen: Ein barrierefreier Eingang im Beratungsstudio, rutschfeste Böden, Toiletten im Erdgeschoss, Aufzüge und Rolltreppen sind Beispiele für Barrierefreiheit in den Geschäftsräumen. Die Diplom-Kauffrau Stefanie Schmückerl verweist in der Studie „Marktpotenziale aus dem demografischen Wandel“ explizit auf den Service. Auch wer in der Beratung eine leicht verständliche Sprache ohne unnötige Fachausdrücke verwendet, kommt nicht nur bei älteren Menschen gut an.

Lesen Sie mehr zum Thema barrierefreies Bauen in STEIN 03/2017.

Showroom trotz Homepage?!

Stein Magazin
findet Anette Mühlberger

Der Handel steht vor einem Umbruch. Ging es bislang nur um »online zu Hause oder offline im Laden«, informieren sich Kunden heute überall per Smartphone oder Tablet und checken, ob das Angebot auch wirklich so günstig und passend ist, wie es erscheint. Immer weniger Kunden scheuen sich nicht, ihre Geräte hierfür sogar direkt im Gespräch zu ziehen. Was also ist zu tun? Und: Wie wirkt sich dieses Kundenverhalten auf den Steinmetzen aus, der Kunden in seiner Ausstellung ebenfalls offline überzeugen will?

 

Der Kunde ist immer einen Klick weiter

Wie begeistert man also Kunden in der realen Welt, die im Kopf immer schon einen Klick weiter sind? Und wie gestaltet man eine Ausstellung so, dass sie medien- und shoppingverwöhnte Menschen nicht gleich wieder flüchten lässt. Wo das Smartphone zum ständig verfügbaren Einkaufsbegleiter wird, müssen Ladenbetreiber und Handwerksbetriebe überlegen, was Kunden im Hier und Jetzt von einem Raum und Gelände erwarten und was sie bis zum entscheidenden Kauf- bzw. Beratungsgespräch dort halten kann.

Der Mensch bleibt ein Haptiker

Läden wird es auch in Zukunft geben, das jedenfalls prognostiziert das aktuelle STORE BOOK 2014 (siehe Buch-Tipp). »Der Mensch wird immer ein Haptiker bleiben, auch ein dem Geruchs- und Gehörsinn verhafteter Konsument und ein Herdentier«, schreibt dort Autor und STEIN-Interviewpartner Reinhard Peneder. Wo andere Menschen sind, dort will also auch der heutige und künftige Kunde immer noch hin. Smartphone hin oder her. Und er will Produkte und Konzepte erleben, riechen, schmecken und fühlen.
Von den Nöten des Einzelhandels können und sollten aber alle lernen, die eine neue Ausstellung planen. Von verwaisten Shopping-Centern auf der grünen Wiese, von Läden, die Kunden nur noch zum Schauen, aber nicht mehr zum Kaufen betreten – und im Café nebenan genau das online bestellen, was sie offline nicht überzeugen konnte.
Das beratungsintensive Natursteingeschäft ist per se natürlich »smartphoneresistenter« als normale Handelsgüter. Doch trifft schon heute die Gefahr des »Vor-Ort-Schauens und Per-Smartphone-Kaufens« all jene, deren Ausstellung und Angebot weitgehend auf allenfalls leicht applizierter Standard-, Import- und Handelsware basiert.

 

Abwechslung und Heimat bieten

Innovativ müssen Ladenkonzepte heute sein, überraschend und zum Markenauftritt eines Anbieters passen. Authentisch, wie Store-Spezialist Reinard Peneder es im Stein-Interview umschreibt. Dabei gehe es den Leuten immer weni
er nur ums Einkaufen. Sondern um Orte, die Abwechslung bieten, die sie inspirieren und die ihnen gleichzeitig das Gefühl geben, zu Hause zu sein.
Gerade Natursteinbetriebe können mit ihrer Ausstellung ein inspirierendes Zuhause für Kunden schaffen. Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Shopping verschmelzen, ist Richard Peneder überzeugt. Ein Skulpturenpark, der zum Rundgang und Ausruhen verführt, ein Kubus, der Showroom und Mitmachwerkstatt vereint, ein Erinnerungspark, der zeigt, was modernes Gedenken bedeuten kann. Ein Natursteinloft, das als Designlounge auch zum Treffpunkt für Kunstliebhaber avanciert. All das sind Konzepte, die Menschen dazu einladen, hinzugehen, innezuhalten, aufzumerken und sich damit auseinanderzusetzen.

Was einen guten Showroom ausmacht und wie Sie Ihren eigenen gestalten können, lesen Sie im neuen STEIN!

Hier bestellen!