Steinarchitektur öffnet Perspektiven

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An den Gebäudeecken sind massive Werksteine mit einer wechselnden Schenkelhöhe von 20 bis 50 cm montiert. Foto: Wolf-Dieter Gericke

Die Fremde ist ein Spiegel des Selbst, haben uns die Reiseliteraten und -forscher gelehrt. Im Anderen sieht man durch die Unterschiede zum Eigenen deutlicher, was dieses eigentlich ausmacht. Ein anderer Weg zum Selbstverständnis ist der Gang durch die Geschichte. Im Verstehen kultureller, historischer Prozesse kann man Gegenwärtiges besser durchdringen. Das historisch Andere bietet also auch Erkenntnis – und das in den verschiedensten Bereichen. Ein Beispiel dafür ist das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main.

Das Institut dient der Erforschung der Geschichte des europäischen Rechts – wie der Name schon sagt. Im Wissen um die Historie kann das heutige Rechtsverständnis besser nachvollzogen und auch kritisiert werden. Mit vielen Publikationen und Projekten leistet das Frankfurter Institut seinen Beitrag zur Definition des modernen Rechtsstaates. Selbst blickt es auf eine über 50jährige Geschichte zurück. Diese könnte man wiederum unter die Lupe nehmen, um etwa die jeweiligen Forschungsinteressen des Institutes zu rekonstruieren und das Selbstverständnis des Instituts an sich zu untersuchen. Das würde hier natürlich auf Abwege führen.

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Der Erdgeschosssockel bindet alle Teile des Gebäudekomplexes über einen Kreuzgang zusammen. Aus diesem Kreuzgang entwickeln sich mehrgeschossige Baukörper für die unterschiedlichen Institutsbereiche. Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen.

Interessant ist nicht nur der Inhalt, sondern die Form. In ihr spiegelt sich der Inhalt wider. Die Form ist in diesem Falle die Architektur, genauer die Steinarchitektur des Instituts, das 2013 eingeweiht wurde. Die Fassade des von der Berliner Staab Architekten GmbH geplanten Institutgebäudes besteht aus Travertin. Die Verfugung der Fassadenplatten erfolgte mit an der Oberfläche abgesandeten Silikonfugen. Die Platten und die alle Gebäudeteile prägenden massiven Eckausbildungen aus dem an seiner Oberfläche C 60 mattgeschliffenen Kalkstein Gauinger Travertin lassen den Gebäudekomplex solide und geordnet wirken. Recht und Ordnung! In der Gebäudekonstruktion umgesetzt. Dieses schöne Bild ist auch dem die Natursteinarbeiten ausführenden Betrieb Lauster Steinbau zu verdanken.

Denn statt, wie ursprünglich vorgesehen, an ihren Längskanten auf Gehrung geschnittene und verklebte Fassadenplatten als Ecklösungen zu montieren, entschieden sich Architekt und Bauherr auf Anregung des Natursteinunternehmens, an den Gebäudeecken massive Werksteine mit einer wechselnden Schenkelhöhe von 20 bis 50 Zentimeter zu montieren. Die vier Zentimeter starke, konventionell im Läuferband hinterlüftete, vorgehängte Fassade wirkt geschlossen, ja fast fugenlos. Diesen Eindruck unterstützen die präzise ausgeführten Gebäudeecken.

Das Gebäude, das durch einen Kreuzgang seine einzelnen Teile verbindet, wurde um einen Innenhof angelegt. Dort bieten sich dem Betrachter verschiedenste Perspektiven. Gleichzeitig strahlt es Bodenständigkeit und Sicherheit aus. Wenn man so will, steht die Travertin-Architektur für ein auf sicherem Fundament stehendes, aber auch offenes und pluralistisches Rechtsystem – ein wichtiges Ziel im Selbstverständnis Europas. Die Form steht für den Inhalt! Wenn man noch genauer hinsehen will, muss man die Geschichte des Materials beachten. Travertin hat eine lange Tradition. Er ist – wie Naturstein im Allgemeinen – ein hochwertiges Baumaterial und steht für Dauerhaftigkeit. Er wurde im Bauwesen wegen seiner geringen Dichte und leichten Bearbeitbarkeit geschätzt.

Von römischen Baumeistern beispielsweise wurden verschiedene Travertinsorten gerne für das Grundmauerwerk von Hochbauten eingesetzt, weil seine Offenporigkeit eine hohe Verdunstungsoberfläche ergibt und dadurch der Sockelbereich auf natürliche Weise permanent trockengelegt wurde. Auch die Säulen des Petersplatzes sind aus einem aus Tivoli stammenden Travertin gearbeitet. Und schon wieder sind wir irgendwie beim europäischen Recht gelandet, denn das römische Recht ist eine Grundlage der heutigen Rechtsnormen. Aber das ist zugegebenermaßen eigentlich eine andere Geschichte, wie die der Steinmetzkunst oder des Handwerks im Allgemeinen!

 

 

 

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Spurensuche auf Slate Islands

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Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

Neue Geschäftsleitung bei RHODIUS Schleifwerkzeuge

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Burgbrohl / Bernd Lichter tritt in die Geschäftsführung der RHODIUS Schleifwerkzeuge GmbH & Co KG ein. RHODIUS ist der größte Schleifscheibenhersteller Deutschlands und vertreibt seine Werkzeuge weltweit sowohl an Fachhändler als auch an weiterverarbeitende Firmen. Im Zuge einer Umstrukturierung und eines Generationenwechsels hat der Werkzeughersteller gemeinsam mit den Mitarbeitern eine neue Strategie zur Neuausrichtung des Unternehmens entwickelt. Demnach wird sich die Geschäftsleitung der familiengeführten Firma künftig aus zwei Geschäftsführern und zwei Bereichsleitern zusammensetzen. Der bisherige Geschäftsführer Martin E. Davies verlässt die RHODIUS Ende des Jahres in bestem gegenseitigem Einvernehmen, betont Bernd Lichter. Er verantwortet seit 1. Oktober den Bereich Vertrieb und Marketing. In Kürze wird ihm ein kaufmännischer Geschäftsführer zur Seite stehen. Die Bereichsleitungen übernehmen der Gesamtvertriebsleiter Ernst-Henning Sager und ab April 2019 Dr. Thomas Kamps als Bereichsleiter Technik und Produktion. Mit der Neuausrichtung will der Werkzeughersteller die Position und Durchsetzungskraft auf den nationalen und internationalen Märkten weiter stärken.