Architekten hinterfragen Neubauten



Der Bund Deutscher Architekten hat neue Grundpositionen verabschiedet. Er fordert mehr Nachhaltigkeit und Sanierungen vor Neubauten.



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Die Ar­chi­tek­ten des BDA for­dern un­ter an­de­rem, wenn möglich – wie hier in Hamburg – erst zu sa­nie­ren, be­vor Neu­bau­ten en­t­stehen. Foto: Pixabay/guentherlig

Sieben Punkte umfassen die Politischen Grundpositionen zu Stadt, Land und Architektur, die ein Redaktionsteam des Bund Deutscher Architekten entwickelt hat. Die 5.000 Architekten des Verbandes wollen damit Qualitätsanforderungen festlegen. BDA-Sprecher Benedikt Hotze sagt, die Positionen spiegeln die stärkere Hinwendung zu politischen Themen wider. Und den Fokus für Gemeinwohl-Themen, den die Mitglieder noch stärker setzen wollen.

So geht es zum Beispiel um Bodenpolitik, die Flächen von Spekulations-Tendenzen entkoppeln solle. Die Architekten fordern, Werthaltigkeit über kurzfristige Renditeerwartungen zu stellen. Besonders der öffentliche Raum sei zentral für die Gemeinschaftsbildung. Durchmischte, lebenswerte, leistbare Viertel sehen sie als elementar, „damit Menschen ihren Lebensort wertschätzen und sich mit ihm verbunden fühlen.“

Bestand fördern, nur „unabdingbare“ Neubauten

Die Natursteinbranche wird sich besonders in den letzten beiden Punkten wiederfinden, die sich der Nachhaltigkeit widmen. Unter „Lebenswelt“ kritisieren die Architekten, dass beim Bauen nach wie vor oft Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Sie fordern ökologisches Umdenken, bei der Materialwirtschaft, Ressourcennutzung, Energieverbrauch und anderen Faktoren. Daran schließt sich die letzte Position an:
„Jedes Bauen ist Bauen im Bestand. (…) Jeder Neubau muss seine unabdingbare Notwendigkeit unter Beweis stellen.“

Unabdingbare Notwendigkeit, das heißt in dieser Absolutheit nichts anderes als: Sanieren geht möglichst vor Neubauen. Es sei der meistzitierte und -diskutierte Satz des Grundlagenpapiers, sagt Hotze. „Angesichts der Notwendigkeit, Ressourcen zu schonen, ist die Position die völlig richtige Entwicklung. Wir müssen graue Energie noch stärker diskutieren. Was nützt der klimaneutralste Neubau mit der schönsten Wärmedämmung, wenn er nach 30 Jahren abgerissen wird? Wir fordern Ganzheitlichkeit. Durchzurechnen, welche Baukosten entstehen, von der Zementproduktion bis zu den Entsorgungskosten nach einem Abriss.“



Architekten und Handwerker in einem Boot

Für die Natursteinbranche klingt das gut – Sanierungsprojekte drehen sich in den meisten Fällen um Natursteingebäude. Aber auch für Neubauten haben die Architekten ihn auf dem Schirm. So sagte es BDA-Präsident Heiner Farwick zur Verleihung des Deutschen Natursteinpreises in seinem Grußwort auf der Stone+tec: „Gerade fürs Detail ist Naturstein wegen seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und seiner Dauerhaftigkeit ein besonders geeignetes Baumaterial. Sofern man nicht dem Missverständnis verfällt, das Material als hauchdünne „Natursteintapete“ gegen seine natürlichen Eigenschaften einzusetzen, sondern es handwerklich vermauert, ist es ein wertiges und nachhaltiges Material. Als einer der ältesten Baustoffe der Menschheit prägt Naturstein bis heute die Architektur unserer Städte.“

Die BDA-Architekten und die Natursteinbranche stimmen also überein in den zentralen Fragen des Bauens. Nicht so klar ist das bei Bauherren und Immobilien-Großinvestoren, die eben nicht immer Gemeinwohl und Nachhaltigkeit im Sinn haben. Sondern oftmals die – wenn auch kurzfristig – größtmögliche Effizienz. Ob die Grundpositionen des BDA dies zu ändern vermögen, bleibt abzuwarten. Doch schon die Aufforderung und klare Positionierung ist ein beachtenswerter Schritt der Architekten. Letztendlich sitzen sie im gleichen Boot wie Handwerker und Natursteinhändler: dem der Auftragnehmer. Gemeinsam, mit klaren Bekenntnissen und Meinungen, lässt sich auf Verbesserungen hoffen.