STEIN-Filmtipp: Bildhauerinnen – Schöpferinnen von Kunst und Stein

Stein Magazin

Pandemiebedingt ist es die Zeit der Homeoffices, sozialen Distanzierung und wirtschaftlicher Zukunftssorgen. Weil es aber auch – vielleicht sogar besonders in diesen Tagen – geistiger Erbauung Bedarf, bietet Ihnen die STEIN-Redaktion nun in loser Folge einige interessante Filmtipps, die einen Bezug zu unseren Themen aus der Welt der Gesteine und mineralischen Werkstoffe haben. Den Anfang macht unsere Autorin Carolin Werthmann mit einer Rezension zur Dokumentation „Bildhauerinnen – Schöpferinnen von Kunst und Stein“, welche der Kultursender Arte vor Kurzem ausstrahlte. In der Mediathek dort zwar nicht mehr vorhanden, finden Sie den Film aber weiterhin auf Youtube unter: https://youtu.be/VI86Er53Jhc

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Bildhauerin Properzia de’ Rossi gestaltete 1525 für die Fassade der Basilika San Petronio in Bologna das marmorne Basrelief „Josef und die Frau des Potiphar“. Credit: Wikipedia Commons
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Camille Claudel, geboren 1864, war Schülerin, Muse und Geliebte des Bildhauers Auguste Rodin – und blieb für die Öffentlichkeit obgleich ihres Genies immer in dessen Schatten. Credit: Wikipedia Commons

Entgegen der historischen Ignoranz

Schwere Steine müssen von starken Händen geformt werden. Glaubte man(n) lange. Bildhauerei, die bis ins 15. Jahrhundert vor allem als Handwerk denn als Kunst galt, konnte doch keine Arbeit für fragile Frauenhände sein. So die damalige gesellschaftliche Konvention, die erst nach Jahrhunderten ganz langsam begann, sich aufzulockern.

Dass Frauen genau wie Männer einen Beruf wie den des Bildhauers und der Bildhauerinnen ergreifen können, ist heute eine Selbstverständlichkeit, doch war es das lange Zeit nicht. Bis 1919 durften Frauen nicht an Kunstakademien studieren. Das Problem war nicht, dass es keine Künstlerinnen gab, sondern dass ihnen die Möglichkeiten, Werke zu verkaufen oder Teil von Ausstellungen zu sein, verwehrt blieben und Wissenschaft und Museen sie weitgehend ignorierten. Sie blieben im Verborgenen, wurden vergessen, nicht entsprechend gewürdigt wie ihre männlichen Kollegen, obwohl sie ebenbürtiges, in vielen Fällen größeres Talent besaßen.

Museen wie das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen entgegneten 2019 mit Ausstellungen wie „Bildhauerinnen in Deutschland – Klischees und Hürden“ der Ignoranz der Geschichtsschreibung und arbeiteten Namen und Werke weiblicher Künstlerinnen auf, die jahrelang unbekannt waren. Auch der Kultursender Arte holt die Bildhauerinnen der Vergangenheit in die Gegenwart. In ihrer Dokumentation „Bildhauerinnen – Schöpferinnen von Kunst und Stein“ widmet sich die französische Regisseurin Emilie Valentin einer Zeitreise von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert und kreiert ein kurzweiliges 50-Minuten-Katapult durch die großen Epochen der Kunstgeschichte. Zwar gleicht ihr Film eher einem Referat denn Bewegtbild, so reich ist er an statischem Fotomaterial und Talking Heads, also Interviewpartnern, die vor allem reden statt zu zeigen. Doch die handwerkliche Fleißarbeit und filmische Schlichtheit ist wirkungsvoll genug und wird zur Hommage derjenigen, die ungesehen blieben. Wie eine Collage drapiert Valentin ihren Film, lässt Kunsthistoriker und -historikerinnen und Kuratorinnen zu Wort kommen, schneidet Archivfotos von ihren Protagonistinnen und Aufnahmen ausgestellter Skulpturen gegen und rückt so beeindruckende Bildhauerinnen ins Zentrum des kollektiven Bewusstseins.

Da ist zum Beispiel Properzia de‘ Rossi, die während der italienischen Renaissance die Fassade der Basilika San Petronio in Bologna gestaltete. Ihr marmornes Basrelief „Josef und die Frau des Potiphar“ (1525–26) zeigt eine Szene weiblicher Begierde, die Frau schmachtet nach dem Sklaven ihres Ehemanns – ein Beispiel dafür, wie wichtig und wie bereichernd doch dieser „weibliche Blick“ ist, der gegenwärtig so häufig gefordert wird. Nicht der Mann ist es, der sich eine andere Frau erträumt, sondern die Frau liebäugelt mit der Versuchung.

Die Vergessenen, die Kämpferinnen und die Freien

Properzia de‘ Rossi zählt Valentin in ihrer Dokumentation zum Kapitel der „Vergessenen“. Den „Vergessenen“ folgen die „Kämpferinnen“ und die „Freien“, darunter Künstlerinnen wie Marcello, die sich ein männliches Pseudonym anlegte, um wahrgenommen zu werden, Hélène Bertaux, die wagte, das erste männliche Akt in Stein zu meißeln, und Camille Claudel. Claudel mag die bekannteste aller Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts sein, und das doch wiederum nur, weil sie Muse, Schülerin und Geliebte des großen Auguste Rodins war. Ihr Genie stand immer im Verhältnis zum männlichen Meister und ließ sie nie vollkommen in der Unabhängigkeit aufgehen.

Und so geht es immer weiter, Porträt folgt Porträt, Schicksal reiht sich an Schicksal, bis Valentin schließlich bei Jane Poupelet, Käthe Kollwitz, Germaine Richier und Niki de Saint Phalle ankommt, die alle vorwiegend mit Bronzeskulpturen, weniger mit Stein arbeiteten. Ihre Werke sind nunmehr Stellungnahmen zum Verhältnis von Körperlichkeiten, sei es das Körperverhältnis zwischen Frau und Mann oder das Verhältnis zum eigenen Körper. Ob spindeldürre Gestalten, die an Alberto Giacomettis Oeuvre erinnern, oder überdimensionale „Nana“-Figuren mit großem Hintern und breiten Hüften und üppigem Bauch – die Kunst dieser Frauen ist ein Manifest ihres weiten Weges der Emanzipation. Und Emilie Valentin zieht die Zuneigung des Zuschauers mit ihrer Aufarbeitung auf ihre Seite. Es ist ein Genuss, zu sehen, was lange ungesehen blieb. Hier nochmals der Link zum Film: https://youtu.be/VI86Er53Jhc

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Spurensuche auf Slate Islands

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Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

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