Das Brautportal in Jena

Jena besitzt mit seiner Stadtkirche einen der größten dreischiffigen Hallenkirchenbau in Thüringen. Die St. Michaelskirche entstand ab dem Ende des 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Markant ist ihr achteckiger Turm mit der im Jahre 2000 rekonstruierten Renaissancehaube, dem sogenannten Brautportal. Er ist mit seinen 75 Metern weithin im Saaletal sichtbar und trägt maßgeblich zum Stadtbild bei.

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Die St. Michaelskirche 2011. Foto: RMeier/wikipedia.org

Das Portal tritt nicht nur aus der Südfassade hervor, sondern ist auch tief in den spätgotischen Bau eingeschnitten. Es entstand wohl um 1400 aus verschiedenen Buntsandstein- und Kalksteinvarietäten und wird rechts und links von einem Fialtürmchen begleitet. Die Laibungen und Gewände sind beiderseits mit gliedernden Ziersäulen, Konsolen sowie Baldachinen geschmückt. Hier waren im Spätmittelalter Skulpturen geplant gewesen – bekannt von den großen Schmuckportalen der französischen Hochgotik. Darüber schwebt eine seltene, waagerechte Vorhangkonstruktion mit Kielbögen und Zapfen, getragen von einem freien Rippenmaßwerk mit Dreipassornamenten.

Oberhalb der Vorhangkonstruktion befindet sich ein großer gotischer Bogen, der drei, jeweils dreibahnige Maßwerkfenster stützt, die von einem barocken Gesims abgeschlossen werden. Die ursprüngliche Version kann man sich mit einem Maßwerkgiebel mit Fialen vorstellen. Nicht nur die hohe bildhauerische Qualität, sondern auch die statische Kühnheit der Baumeister begründen den kunsthistorischen Wert des Portals. Das Brautportal diente ursprünglich als Ort der eigentlichen Vermählung, da im späten Mittelalter die Brautpaare üblicherweise noch nicht innerhalb der Kirchen getraut wurden. Ähnliche Portalwerke haben sich nur an St. Sebald in Nürnberg und der Teynkirche in Prag erhalten.

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Papierschablone für die Rekonstruktion von Maßwerkbereichen. Foto: Stefan Haustein

Schäden am Brautportal

Die Voruntersuchungen zeigten gravierende statische Probleme im gotischen Bogen und den darüber liegenden Bereichen. Diverse Reparaturen der vergangenen Jahrhunderte sollten zu einer Behebung der entstandenen Schäden führen. Darunter fallen der in das Tympanonfeld eingefügte, barocke Entlastungsbogen. Des Weiteren mussten viele Ab- und Ausbrüche, Schmutzauflagen, verschiedene starke Gipskrusten (bis zu drei Millimeter Stärke), Risse, desolate Verfugungen und Strukturzerstörungen wie Mürbzonen- und Schalenbildungen sowie Absandungen verzeichnet werden.

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Norman Bronischewski (Bennert Restaurierungen GmbH) bei der Neuverfugung der Baldachinbereiche. Foto: Stefan Haustein

Die plastischen Elemente des Portals wurden aus Thüringer Buntsandstein gefertigt. Für die anderen Bauteile verwendete man Terebratelkalkstein. Der Sandstein weist eine geringe Druckfestigkeit auf und ist durch die häufigen Feuchte-Tau-Wechsel sowie sonstige thermische Beanspruchungen gefährdet. In Abhängigkeit vom Feuchtegehalt ergeben sich erhebliche Längenänderungen. Gerade in den Grenzflächen zum Kalkstein treten erhöhte Feuchtebelastungen auf. Aus der reduzierten Druckfestigkeit und der erhöhten Längenänderung resultieren Spannungsüberschreitungen im Fugenflankenbereich der Werksteine, was zu einer Schalenbildung führt.

Die Wirkung der Bewitterung zeigt sich vor allem durch Rückwitterungen und in geschützten Zonen, durch Ausblühungen. Die unterschiedliche Qualität der Werksteine sowie deren stark abweichender Verwitterungsgrad verursachten statische Probleme. Der weit gespannte Bogen über dem Altan war nicht mehr tragfähig und einsturzgefährdet. Zudem waren diverse Altergänzungen unterschiedlicher Qualität vorhanden. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in einer Schadens-, sowie einer Bestandskartierung zusammengefasst. Darin flossen digitalisierte Messbildaufnahmen sowie Laserscanns zur Archivierung von Bildwerken und Baldachinen ein.

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Linke Laibung des Portals nach der Restaurierung 2014. Foto: Boris Frohberg

Die Sanierung der St. Michaelskirche begann 1997 mit dem Turm. Es folgten das barocke Mansarddach, die Fassaden, einschlielich des Gerichtsportasl und ab 2010 die Restaurierung des Brautportals, der Seitenkapelle, des Treppenturms und der Strebepfeiler. Das Portal wurde nicht nur im Bestand konserviert, sondern durch umfangreiche bildhauerische Ergänzungen bis 2011 wiedergewonnen.

In STEIN im August 2015 erfahren Sie mehr zur Konservierung und Restaurierung des Brautportals in Jena.