Den Steinmetzen der Antike auf der Spur

Was können Studenten der Klassischen Archäologie von Steinmetzen lernen? Eine interdisziplinäre Übung zwischen Meisterschülern der Fachschule für Steintechnik und Studierenden der Klassischen Archäologie in München zeigt den Gewinn des Wissenstransfers. Unsere Autorin Elisabeth Heider war dabei, um selbst Hand anzulegen. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist Mitte April. Studierende der Klassischen Archäologie und der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität versammeln sich in der Fachschule für Steintechnik der LH München. Steinmetzmeister und Archäologe Andreas Gommel organisiert und leitet den Kurs seit 2015. Vier Tage werden die Studierenden zusammen mit ihm und Meisterschülern der Fachschule nicht wie sonst Bücher, sondern Muschelkalkquader wälzen.

Was Archäologen von Steinmetzen lernen können

Am ersten Tag sitze ich mit den Studierenden in einem Klassenzimmer. An den Wänden hängen Entwürfe und auf den Fensterbänken stehen kleine Modelle, aber auch fertige Arbeiten von Steinmetzschüler. Besonders angetan hatte es mir ein kleines, circa einen halben Meter hohes Nilpferd, dessen körpereigene Massivität sich wunderbar – wie ich finde – im Stein widerspiegelt.

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Naturstein-Werkzeuge

Durch die Handhabung der Werkzeuge können die Studenten die spezifischen Arbeitsspuren sofort mit dem gebrauchten Werkzeug verknüpfen und im Gedächtnis speichern. (Foto: Elisabeth Heider)

Heute findet die theoretische Einführung zum Kurs bei Andreas Gommel statt. Die Übung ist ein interdisziplinäres Projekt, das zwischen Handwerk und Universität praktisches Wissen vermitteln will. Beim Steinhauen werden die Studierenden später Erkenntnisse in der Wahrnehmung antiker Steinoberflächen gewinnen können. Viele Werkzeuge wie das Spitz-, das Beiz-, das Schlag- oder das Zahneisen wurden bereits in der Antike zum Behauen von Naturstein benutzt.

Das einprägsame Grundrezept für Granit

Zuerst jedoch sollen die Studierenden mehr über antike Steinbearbeitung, Gesteinsarten und antike Steinbrüche erfahren. So haben sie und ich beim praktischen Teil schon einen Überblick über Werkzeuge und Techniken. Einen Satz, den ich auf alle Fälle im Gedächtnis behalten werden, ist das „Grundrezept“ für Granit: „Feldspat, Quarz und Glimmer, die vergess‘ ich nimmer“.

Besonders spannend an der Einführung war für mich der reine Fokus auf das Material bei Architektur und Kunst. Aus Thassos beispielsweise kam reinster Marmor für viele heute sehr bekannte Bauwerke in Athen und Rom. Pavonazetto wurde gerne benutzt um Marsyas darzustellen, da der rot-weiß gefleckte Stein die Häutung des Satyrs materiell unterstreicht.

Was man dabei nie vergessen darf: Der Prozess von der Gewinnung von Naturstein im Steinbruch bis hin zum fertigen Stück war in der Antike schweißtreibende Handarbeit, die nur mit Flaschenzügen und Hebeltechniken unterstützt wurde. Gab es naheliegende Vorkommen, wie beispielsweise Tuff in den Gegenden um Rom, wurde eine Gesteinsart daher unabhängig vom Äußeren gerne für Fundamente benutzt.

Tim Reiniger

Meisterschüler Tim Reiniger beim Ziehen eines Schlags mit einem Schlageisen zum Erstellen einer Fläche an einem Muschelkalkquader (Foto: Elisabeth Heider)

Am zweiten Tag geht es endlich in die Werkstatt. Ein großes Metalltor führt in den weitläufigen Raum mit Dachfenstern für eine optimale Beleuchtung. Mehrere fahrbare und höhenverstellbare Tische stehen bereit. Ich bekomme mehrere Eisen, einen Fäustel und einen Knüpfel. Mit dem Werkzeug, Sicherheitsschuhen und Schutzbrille bewaffnet, geht es jetzt ans Behauen der Steine. Für uns steht natürlich kein Marmor, sondern Muschelkalk bereit. Der Stein ist nicht nur vergleichsweise günstiger, sondern auch weicher und leichter zu verarbeiten als sein prestigeträchtiger Verwandter. Das Ziel für uns heute ist es, eine plane Fläche oben in den Quader zu hauen. Das bedeutet, an der langen Seite den „Riss“ anzeichnen, mit dem Sprengeisen das Material oberhalb des Risses „abpassen“, am Riss einbeizen, die Bahn freizahnen, den Schlag ziehen und dann die Fläche abarbeiten.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten stellt sich bei mir ein bisschen Routine beim Benutzen der Werkzeuge ein. Anfangs konnte ich nur kleine Stücke des Steins abtragen. Nach ein wenig Übung schaffe ich es auch größere Stücke vom Block zu hauen. Dabei hinterlässt jedes Eisen andersartige und unterschiedlich tiefe Rillen und Spuren im Stein. Allein das Ausprobieren der verschiedenen Eisen ist spannend und erkenntnisreich.

Muschelkalkquader-Eisen-Knüpfel

Muschelkalkquader mit Eisen und Knüpfel (Foto: Elisabeth Heider)

Die Zeit an diesem Tag verfliegt sehr schnell. Das Arbeiten am Stein ist fast meditativ, trotz Anstrengung. Schön finde ich auch, dass ich die Fortschritte bei meiner Arbeit am Stein direkt sehen kann. Beim Schreiben erschaffe ich einen immateriellen Text auf dem Computer, hier in der Werkstatt habe ich im Unterschied dazu einen massiven Stein vor mir, an dem jeder Schlag sein Ergebnis hinterlässt. Mein Resultat nach den ersten Stunden ist eine recht passable plane Oberfläche und die wichtige Erkenntnis, dass man die Ecken am Stein immer sichern muss. Zwei Dinge nehme ich neben allem, was ich gelernt habe an diesem Tag, noch mit nach Hause: Muskelkater und sehr viel Steinstaub in meinen Haaren.