Die Zukunft der Kirchen

Anfang 2016 zeichnete die Wüstenrot Stiftung in ihrem bundesweiten Wettbewerb „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ besondere Projekte aus, die eine Sanierung, einen Umbau oder eine Umnutzung von Kirchen leisteten. Unter den insgesamt 291 Einsendungen finden sich viele Beispiele dafür, wie Kirchengebäude und Gemeindezentren als sichtbarer Teil kultureller Identität erhalten werden können. Wir sprachen mit Dr. Stefan Krämer, Ressortleiter „Wissenschaft und Forschung“ bei der Wüstenrot Stiftung.

Wie entstand die Idee zu einem Wettbewerb, der die Kirchenumnutzung in Deutschland in den Vordergrund stellt?

Die Kirchen in Deutschland stehen vor großen Aufgaben. Sinkende Gemeindemitgliederzahlen, veränderter Nutzungsanforderungen und hohe Kosten für Instandhaltung und Betrieb von Kirchengebäuden erfordern eine tragfähige Strategie, um Kirchengebäude zu erhalten. Für diese Aufgaben sehen wir aber nicht nur die Kirchen in der Verantwortung, sondern die gesamte Gesellschaft, da Kirchen Träger unserer kulturellen Identität sind. Im Bereich der architektonischen Umgestaltung von Kirchen gab es noch keinen allgemeinen Überblick. Zwar stellen die christlichen Kirchen oder etwa das EKD-Institut Marburg einzelne Projekte zur Kirchenumnutzung vor, jedoch fehlte bislang ein breiterer Überblick. So entschlossen wir uns, den Wettbewerb „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ auszuloben und damit einen Beitrag zur Entwicklung von gelungenen Strategien zur Kirchenumnutzung zu leisten.

Welche Entwicklung sehen Sie in diesem Bereich?

Der Scheitelpunkt dieses Trends ist noch nicht erreicht. Um Kirchengebäude vor dem Verfall zu retten und ökonomisch, städtebaulich sowie kulturell sinnvoll umzugestalten, müssen weiterhin noch tragfähige Strategien entwickelt werden. Die Stadt Stuttgart plant beispielsweise einen Arbeitskreis einzusetzen, der hierfür einen Plan für die nächsten 20 Jahre entwickeln soll. Meinen Erfahrungen nach steht Bayern erst am Anfang des Prozesses, eine Strategie für die zukünftige Nutzung von Kirchengebäuden im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels zu finden. Hier wird auf jeden Fall noch viel passieren.

Welche Projekte im Rahmen Ihres Wettbewerbs gefielen Ihnen persönlich besonders?

Ich finde viele Einsendungen sehr gelungen. Wir haben dieses Mal zwei besonders herausragende Gestaltungen ausgezeichnet, sonst gibt es immer nur einen „1. Platz“ bei unseren Wettbewerben. Es war uns sehr wichtig, zwei verschiedene Nutzungsstrategien hervorzuheben, einerseits die Realisierung einer Funktionskirche und andererseits ein Projekt, das die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit einer kooperativen Trägerschaft aufzeigt. Die neu geschaffene Raumstruktur der katholischen Heilig-Geist-Kirche der St. Martinus-Gemeinde in Olpe wertet das Gebäude qualitativ auf, auch im städtebaulichen Sinn. Eine Verkleinerung mit neuem Raumnutzungskonzept ist die geläufigere Variante einer Umgestaltung. Für den Erhalt der evangelischen Kirche im Stadtteil Bochum-Stahlhausen wählten die Verantwortlichen den Weg der Zusammenarbeit mit einem multikulturellen Bildungsverein. Nun wird die Kirche sowohl im sakralen Rahmen, als auch als Stadtteilzentrum zur sozialen Bildungsarbeit genutzt. Dieses Projekt hat durchaus eine Vorbildfunktion.

Gab es auch Projekte, an denen Steinmetze beteiligt waren?

Wir sehen uns eher als Schnittstelle von Architekten und Bauherrren. Insofern lag der Fokus auf dem Zusammenspiel dieser Parteien. Jedoch waren meines Wissens bei einigen Projekten Steinmetze beteiligt. So zum Beispiel bei der Umgestaltung der Aachener Kirche St. Josef zur Grabeskirche. Gerade die Umgestaltung von Kirchengebäuden in Kolumbarien ist sowohl für die Kirchen interessant, da hierbei oft die sakrale Nutzung beibehalten werden kann und eine Refinanzierungsstrategie bereits integriert ist, als auch für Steinmetze, die hierbei die Arbeiten am Stein durchführen können. Als Experten im Bereich der Bestattung eröffnen sich für sie viele Möglichkeiten. Bei Grabeskirchen ist es sehr wichtig, dass ein Gesamtbild entsteht, dass die Aura des Ortes aufnimmt, aber auch die Urnenplätze effizient anordnet. Es sollten keine Regalwände wie in einer Bibliothek entstehen, sondern ein Ort, der auch Inseln für Stille und Trauer schafft. Bei dieser gestalterischen Umsetzung sind nicht nur Architekten gefragt.

Welche besonderen Erkenntnisse konnten Sie gewinnen?

Im innerdeutschen Vergleich sind wahrscheinlich die neuen Bundesländer in diesem Feld am weitesten mit ihren baulichen Vorhaben fortgeschritten. Da schon zu DDR-Zeiten Kirchengebäude nicht mehr genutzt wurden und diese später – oft aus finanziellen Gründen – nicht mehr zu ihrer Bestimmung zurückfanden, stellt sich die Frage nach ihrer Zukunft vielleicht schon ein bisschen länger. Interessant ist auch, dass es meiner Erfahrung nach oft einfacher ist, katholische Kirchen einer Umnutzung zuzuführen als evangelische. Die Profanierung gestaltet sich leichter, da in evangelischen Kirchengebäuden oft schon ein Gemeindezentrum integriert ist. Daran hängen viele Erinnerungen an das Leben in der Gemeinde. Der Raum erfährt eine andere Bedeutung.

In STEIN im Juni 2016 stellen wir die Potenziale der Neugestaltung sakraler Räume für Steinmetzen genauer vor. Mehr zum Wettbewerb „Kirchengebäude und ihre Zukunft“ und zu anderen Projekten der Wüstenrot Stiftung erfahren Sie hier.