“Es geht doch nicht darum, wer am besten fliest”

Stein Magazin
dass noch viele Lehrlinge ihn ebenfalls lieben lernen. Foto: Stefan Bohlken

Öffentliche Diskussion zur Meisterpflicht anregen

Stefan Bohlken kämpft mit der Fliesen- und Natursteinlegerinnung Oldenburg via Onlinepetition für die Wiedereinführung der Meisterpflicht. STEIN erzählt er, warum.


Fliesen-Bohlken
Stefan Bohlken liebt seinen Beruf – und will sich dafür einsetzen, dass noch viele Lehrlinge ihn ebenfalls lieben lernen. Foto: Stefan Bohlken

50.000 Unterzeichner braucht die Fliesen- und Natursteinlegerinnung Oldenburg für ihre Petition, damit sie in den Deutschen Bundestag geht, wo die Abgeordneten dann klären müssten, ob die Meisterpflicht im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk wieder eingeführt wird. 2004 war sie abgeschafft worden. Ein riesiger Fehler, findet Obermeister Stefan Bohlken. Und nicht nur er – auch politisch bewegt sich etwas, die Große Koalition hat die Prüfung der Meisterpflichts-Rückkehr im Koalitionsvertrag verankert.

Auf der Petitions-Seite finden sich neun Argumente dafür, darunter der Schutz der Verbraucher, die Einhaltung von Verlegenormen sowie die Sicherung von Wohlstand und Arbeit. Bohlken sagt: „Am wichtigsten ist der Aspekt der Ausbildungsleistung und des Fachkräftemangels – unser Beruf stirbt einfach aus, wenn die Meister ihr Wissen nicht mehr an Lehrlinge weitergeben.“

Bohlken selbst führt den klassischen kleinen Betrieb mit zwei Gesellen und einem Lehrling, das Auftragsbuch ist gut gefüllt, sein Unternehmen bekannt. Für seinen eigenen Betrieb könnte ihm die Sache mit der Meisterpflicht egal sein: „Es wird sowieso immer einen Markt geben für Schwarzarbeit und Billigheimer. Ich bin spezialisiert auf Kundschaft im Bereich 50+ und Badsanierung. Die sucht sich Handwerker, denen sie vertraut. Aber für die gesamte Branche ist es nicht egal.“

Seine Motivation kommt also durch seine Position als Obermeister der Innung, die er seit vier Jahren innehat: „Wenn wir neue Mitglieder werben wollen, sagen viele: Ihr habt damals nicht genügend getan, als die Meisterpflicht abgeschafft wurde. Und vielleicht stimmt das. Also will ich wenigstens jetzt etwas tun.“ Bohlken hofft, mit der Onlinepetition eine öffentliche Diskussion anzuregen. Bei Facebook hat er sich eine treue Fangemeinde aufgebaut und schon vor einigen Monaten ein Video zur Wiedereinführung der Meisterpflicht veröffentlicht. Es wurde bereits über 393.000 Mal aufgerufen und über 4.800 Mal geteilt. Der Aufruf: Holt uns den Meister zurück!

Es geht eher um betriebswirtschaftliches Wissen als um Qualität

Bohlken will klarmachen, dass es bei der Frage um die Meisterpflicht nicht vordergründig um die Qualität der Handwerksleistung geht: „Viele reduzieren diese Frage immer auf das Geschehen auf der Baustelle und argumentieren, dass das Niveau der handwerklichen Leistung nicht zwingend etwas mit dem Meisterabschluss zu tun hat. Das stimmt ja auch. Es gibt viele Gesellen, die handwerklich mehr drauf haben als so mancher Meister. Aber darum geht es gar nicht. Sondern darum, dass die Meisterschule enorm viel Hintergrundwissen zum Betrieb vermittelt. Wie kalkuliert man wirtschaftlich, was muss man in Sachen Recht und Datenschutz beachten, wie funktioniert Gefährdensbeurteilung? Unsere Welt wird immer komplexer, und das macht auch vor Handwerksbetrieben nicht halt. Deshalb reicht es für die Unternehmen eben nicht mehr, tolle Qualität zu liefern.“

Gegenstimmen auf der Petitions-Seite kritisieren, die Wiedereinführung der Meisterpflicht bringe eine Marktabschottung und das Ende des freien Wettbewerbs mit sich. Bohlken sagt, es gehe ihm mit der Petition gar nicht um Märkte, sondern um die Zukunft eines Berufs. Denn der Meisterbrief bildet die Grundlage, auszubilden. Dafür will er weiter kämpfen – „denn es stimmt schon, wir haben in den letzten Jahren vielleicht einiges versäumt. Das kann man nicht immer nur auf andere schieben.“ Bisher haben etwas mehr als 4.700 Unterstützer unterzeichnet, die Petition läuft bis 12. September 2018.

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Spurensuche auf Slate Islands

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Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

Notre-Dame lieber langsam und behutsam wieder aufzubauen. Foto: C00-Lizenz/skeez/Pixabay

Dombauhütten-erfahrene Metze sind rar

Experten halten die angesetzten fünf Jahre für die Sanierung für nicht machbar. Unter anderem, weil es nicht genügend Steinmetze gibt. Über den Status Quo der Sanierungspläne und deutsche Hilfsangebote.

Schon wenige Stunden, nachdem Notre-Dame brannte, war klar: Am Geld wird der Wiederaufbau nicht scheitern. Das wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber Fakt – bis heute haben Spender rund 900 Millionen Euro für die Sanierung der Pariser Kathedrale gespendet. Fraglicher ist schon, wie die zerstörten Teile erneuert werden sollen: Nach historischem Vorbild oder modernen Entwürfen? Ein Dachstuhl aus Stahl statt dem Holz von über tausend Eichen? In Frankreich läuft aktuell die Bestandsaufnahme der Schäden, die Regierung hat einen Architektenwettbewerb ausgelobt. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat außerdem eine Zeitvorgabe ausgerufen, die Experten für nicht machbar halten: Er will, dass die Sanierung von Notre Dame 2024 abgeschlossen ist.

Wolfgang Zehetner, Vorsitzernder der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, sagt im Interview mit der Deutschen Welle, das sei vor allem in Hinblick auf die nötigen Fachkräfte schwierig. Es gebe in Europa nur noch sehr wenige Steinmetze mit Erfahrung in historischen Bautechniken.

Steinmetze und -Bildhauer sind schließlich schon generell eine rare Spezies. Doch für die Arbeit an Notre-Dame brauche es außerdem Fachkräfte, die ihre Ausbildung möglichst an einer Dombauhütte absolviert haben. Diese Bauhütten seien wie “die letzten gallischen Dörfer”. Das Handwerk auf heutigen Baustellen sehe schlichtweg völlig anders aus – industriell nämlich.

Der Bundesverband Deutscher Steinmetze will die Hilfsangebote und Ideen der deutschen Steinmetze sammeln und koordinieren. Bisher haben sich mehr als zehn Betriebe und Einzelpersonen mit konkret umrissenen Angeboten oder Ideen gemeldet. Außerdem sammeln Steinmetze und Bildhauer in einer Facebook-Gruppe zur Zeit Unterstützungsangebote, die sie dem BIV gebündelt weitergeben wollen.

Dabei könnten entweder Stücke in Betrieben und Ausbildungsstätten gefertigt und zentral nach Paris geliefert werden. Möglich wäre auch, dass Steinmetze und Lehrlinge vor Ort in Paris helfen.

 BIV-Sprecherin Sybille Trawinski sagt, die Hilfsangebote böten auch die Chance, das hohe Fachwissen und die Spezial-Kenntnisse der Steinmetze in der Denkmalpflege zu zeigen 
und auf internationalem Niveau einzubringen. Und einen Beitrag für die europäische Gemeinschaft und den Kulturerhalt zu leisten. “Nicht zuletzt geht es auch um die deutsch-französische Freundschaft und den Gemeinsinn eines Gewerks, auch über Ländergrenzen hinweg”, so Trawinski.

BIV koordiniert die Hilfsangebote von Firmen und Einzelpersonen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Denkmalpflegerin  und ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner beauftragt, sich um deutsche Hilfsangebote für die Kathedrale zu kümmern. Mit ihr steht der BIV in Kontakt. Aber es geht um mehr als ums Steinmetzhandwerk – zum Beispiel auch um deutsches Eichenholz und um Daten. Denn das Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg hat das Querhaus, das besonders unter dem Brand gelitten hat, im Rahmen eines Projekts zu gotischen Kirchenportalen von 2015 bis 2018 eingehend untersucht und mit 3D-Scantechniken vermessen.

Auch die Wissenschaftler plädieren dafür, Notre-Dame behutsam statt überstürzt zu sanieren. Kunsthistoriker Stephan Albrecht sagt in einem Arte-Interview, er halte zehn Jahre Restaurationszeit für sinnvoll. Andernfalls fürchte er um die historische Substanz. Denn schließlich dauerte der Bau einer der wichtigsten europäischen Kulturdenkmäler ursprünglich rund 200 Jahre.

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