Fairer Natursteinhandel – Ein Kommentar

Stein Magazin

Umgang mit Zertifikaten

Der Steinbildhauer Timothy C. Vincent gründete im Jahr 2015 den Verein Handwerk mit Verantwortung. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Betrieben, die in ihren Möglichkeiten mit Bedacht wirtschaften. Das heißt, sie beziehen ihre Materialien und Betriebsmittel unter Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Gesichtspunkte. Im Folgenden lesen Sie einen Kommentar von Timothy C. Vincent zum Artikel „Wann ist ein Stein fairtrade“ aus STEIN im September 2016.

Im Oktober 2014 trat das neue Bestattungsgesetz in Nordrhein-Westfalen in Kraft. Hier wird im Paragraph 4a auch der Umgang mit Grabmalen aus Kinderarbeit geregelt. Das Gesetz besagt, dass Grabmäler und Grabeinfassungen aus Naturstein nur auf einem Friedhof aufgestellt werden dürfen, wenn „erstens […] bei der Herstellung von Naturstein nicht gegen das Übereinkommen Nr. 182 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO verstoßen wird, oder zweitens durch eine Zertifizierungsstelle bestätigt worden ist, dass die Herstellung ohne schlimmste Formen von Kinderarbeit erfolgte […]”.

Das Übereinkommen Nr. 182 der ILO besagt unter anderem, dass Kinder Menschen unter 18 Jahren sind und dass sie vor „Arbeit, die ihrer Natur nach oder aufgrund der Umstände, unter denen sie verrichtet wird, voraussichtlich für die Gesundheit, die Sicherheit oder die Sittlichkeit von Kindern schädlich ist”, geschützt werden müssen. In Indien bedeutet Kinderarbeit die Beschäftigung Minderjähriger unter 14 Jahren und ist weitgehend reglementiert und eingeschränkt, aber nicht grundsätzlich verboten. Nach einer Studie von 2015, durchgeführt vom Indischen Komitee der Niederlande (ICN) zusammen mit der unabhängigen Anti-Kinderarbeit-Institution Stop Child Labour (SCL) lassen sich wohl kaum noch Kinder unter 14 Jahren in den begutachteten Steinbrüchen finden, aber die Erwerbstätigkeit von Minderjährigen über 14 Jahren in Steinbrüchen ist weiterhin hoch, zumal Indien die ILO-Normen 182 (schlimmste Form von Kinderarbeit) und 138 (Mindestalter) nicht ratifiziert hat.

Das Gesetz regelt leider nicht in praktikabler Form den Umgang mit Zertifikaten. Weder eine Akkreditierungsstelle für die Zertifizierer ist bis dato installiert, noch bietet der Markt zur Zeit zuverlässig zertifizierte Grabmale an. Des Weiteren fehlt eine Länderliste, deshalb ist der Paragraph per Runderlass vom 18. März 2015 ausgesetzt. Ich bin ebenso der Meinung wie Herr Krug im Artikel „Wann ist ein Stein fairtrade?“, dass das Bestattungsgesetz über die ILO Übereinkunft 182 hinaus auf alle Kernarbeitsnormen erweitert werden sollte. Denn, gesetzt es gehen nachweislich keine Minderjährigen einer Erwerbstätigkeit in den Steinbrüchen nach, so gilt es bei der Produktion von Grabmalen weitere Übereinkommen einzuhalten, wie zum Beispiel die Versammlungsfreiheit, gerechte Löhne oder die Abschaffung der Zwangsarbeit. Des Weiteren muss der Arbeitsschutz nach europäischem Maßstab gewährleistet sein. Weitere Punkte wie die ökologischen Risiken des Transports werden nicht erfasst.

Zum Begriff „Fairtrade“ schreibt das Onlinelexikon Wikipedia, dass dieser ungeschützt ist. Fairer Handel ist somit Definitionssache, denn es gibt keine allgemeingültigen Standards. Des Weiteren „setzt die Auswahl entsprechender Produkte eine hohe Kompetenz und Informiertheit des Konsumenten voraus, eine bloße Orientierung an Labeln gibt keine vollständige Gewähr über alle möglichen Kriterien fairen Handels, sondern lediglich über den definierten Merkmalsbereich der jeweiligen zertifizierenden Organisation.“ Dies setzt allerdings den Willen voraus, den Markt der Zukunft mitgestalten zu wollen und Pionierunternehmen im Handwerk zu sein. Hier kann der Steinmetz ansetzen und eine größtmögliche Transparenz in seine Beratung einflechten und als kompetenter Fachmann und Berater gegenüber dem Kunden auftreten, damit der „aufgeklärte“ Kunde eine „aufgeklärte“ Kaufentscheidung treffen kann.

Fairer Natursteinhandel sollte Steinmetzen ein Anliegen sein

Es sollte dem Steinmetz ein Anliegen sein, über den zufriedenen Käufer seine Reputation in Sachen Nachhaltigkeit zu steigern, mit einem verlässlichen Produkt. Denn gesetzliche Bestimmungen stellen in der Regel nur die Mindestanforderung des überhaupt Möglichen dar. Wer sich hiermit zufrieden gibt, vertritt die Haltung eines Erfüllungsgehilfen übergeordneter Normierungen und Regularien und wiegt sich und andere in Sicherheit, „alles gemacht zu haben, was man machen kann“. Dass es ein Darüberhinaus gibt, zeigt das tiefer- und weitergehende Engagement vieler Menschen, die auch Ergebnisse ihres Handels sehen und spüren wollen, die Ziele verfolgen, in denen das Gegenüber, die Um- und Mitwelt einbezogen sind. Veränderung setzt Änderung voraus und diese vollzieht sich im Denken. Die stumpfe Erfüllung von Vorschriften ist eben kein Engagement, denn dem Wortsinn nach bedeutet Engagement, mit starkem persönlichen Interesse entschieden für eine Sache einzutreten.

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Spurensuche auf Slate Islands

Stein Magazin
Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

Neue Geschäftsleitung bei RHODIUS Schleifwerkzeuge

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Burgbrohl / Bernd Lichter tritt in die Geschäftsführung der RHODIUS Schleifwerkzeuge GmbH & Co KG ein. RHODIUS ist der größte Schleifscheibenhersteller Deutschlands und vertreibt seine Werkzeuge weltweit sowohl an Fachhändler als auch an weiterverarbeitende Firmen. Im Zuge einer Umstrukturierung und eines Generationenwechsels hat der Werkzeughersteller gemeinsam mit den Mitarbeitern eine neue Strategie zur Neuausrichtung des Unternehmens entwickelt. Demnach wird sich die Geschäftsleitung der familiengeführten Firma künftig aus zwei Geschäftsführern und zwei Bereichsleitern zusammensetzen. Der bisherige Geschäftsführer Martin E. Davies verlässt die RHODIUS Ende des Jahres in bestem gegenseitigem Einvernehmen, betont Bernd Lichter. Er verantwortet seit 1. Oktober den Bereich Vertrieb und Marketing. In Kürze wird ihm ein kaufmännischer Geschäftsführer zur Seite stehen. Die Bereichsleitungen übernehmen der Gesamtvertriebsleiter Ernst-Henning Sager und ab April 2019 Dr. Thomas Kamps als Bereichsleiter Technik und Produktion. Mit der Neuausrichtung will der Werkzeughersteller die Position und Durchsetzungskraft auf den nationalen und internationalen Märkten weiter stärken.