Gemeißelte Gästebuch-Einträge am Straßburger Münster

Wer die 332 Stufen, die zur Münster-Plattform hinaufführen, erklimmt, hat nicht nur eine tolle Aussicht, sondern sieht auch eine touristische Kuriosität.

Für Steinmetze bietet das Straßburger Münster einige „offensichtliche Geheimnisse“. Sie erzählen von der Arbeit ihrer Kollegen im Laufe der Jahrhunderte. Das Münster, bei seiner Fertigstellung 1439 und noch bis 19. Jahrhundert das Bauwerk mit dem höchsten Turm Europas, hat eine bewegte, inzwischen mehr als tausendjährige Geschichte. Wer will, erfährt sie in Auszügen im Musée de l’Oeuvre Notre-Dame, am Rande des Domplatzes. Das Münster selbst erzählt sie allerdings am besten – teilweise aber nur den Eingeweihten.

Von Affen, Hunden und Co.

Da wären zum Beispiel die zahlreichen Tierskulpturen überall an der Fassade: Sie repräsentieren die Handwerker mit ihren unterschiedlichen beruflichen Rängen. Die Hunde etwa stehen für Steinmetzmeister, Affen für den Dombaumeister.

Im Nebeneingang an der Südseite des Straßburger Münsters, einst den Handwerkern vorbehalten, findet sich, in die Wand eingelassen, ein unscheinbares Stück Metall. Dahinter verbirgt sich: ein allgemeingültiges Längenmaß für alle an diesem Bau Beteiligten. Denn die kamen aus Ländern mit verschiedenen Maßeinheiten. Das Grundmaß am Straßburger Münster ist daher dieser hier festgelegte „Fuß“.

Steinmetze meißelten Besucher-Namen in die Turmfassade

Wer die 332 Stufen erklimmt, um auf die Münster-Plattform in 66 Metern Höhe zu gelangen, lässt den Blick, oben angekommen, beeindruckt über das Europäische Parlament, die Thomaskirche und die Dächer der Stadt bis – bei gutem Wetter – zu den Vogesen schweifen. Dann bitte unbedingt Richtung Turm umdrehen und die Fassade desselbigen genauer inspizieren: Der Betrachter versteht, dass er sich gerade in eine jahrhundertealte Touristen-Tradition einreiht.

Die ersten Besucher erklommen die Plattform im 15. Jahrhundert. Begrüßt wurden sie von Wächtern – oft ehemalige Steinmetze. Und diese verdienten sich nicht selten ein Trinkgeld damit, die Namen der Besucher kunstvoll in die Turmfassade zu meißeln. Ab dem 19. Jahrhundert wurde dieses steinerne „Gästebuch“, zweifelsfrei ein ungleich kunstvolleres als das spätere Pendant dazu mit Permanentmarkern, verboten. Wer die Inschriften überall an der Fassade betrachtet, kommt zu dem Schluss: Alle erreichbaren Flächen dürften da auch bereits behauen gewesen sein.