„Geschick, Hingabe und Kreativität“

Einen großen Anteil an Freiburgs besonderem Charme haben die zahlreichen kreativen Straßenmosaike. Bei einer Erkundungstour läuft man über bunte Rheinkiesel, dunklen Basalt, aber auch über weißes Gold aus Carrara. Einer, der sich mit der filigranen Technik des Mosaiklegens bestens auskennt, ist Pflasterermeister Dieter Saier. Im STEIN-Interview berichtet er über seine abwechslungsreiche Arbeit.

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Dieter Saier, Pflasterermeister der Stadt Freiburg, schloss seine Ausbildung zum Straßenbauer 1985 ab. Seit 1991 bildet er als Straßenbauermeister selbst aus. Foto: Dieter Saier

 

STEIN: Herr Saier, Freiburg ist bekannt für seine Pflastermosaike. Wie ist dieses Handwerk nach Breisgau gekommen?

Dieter Saier: Wer einst diese Art der Pflasterung erfand, ist bis heute nicht bekannt. Es soll der Freiburger Pflasterer Alois Krems gewesen sein, der auf seinen Wanderjahren um 1870 durch Südfrankreich das Pflastern mit gespaltenen Kieseln entdeckt habe und hier zu Freiburg damit Rheinkieselmosaike gestaltete. Darüber hinaus setzte man gespaltene Rheinkiesel ganzflächig in Gehwegen ein, weil sich die flache Oberfläche bis heute als sehr gehfreundlich erwies.

Was sind Mosaike genau?

Mosaike sind generell nichts anderes als Zeichen für Handwerker oder für Städte. Spricht man von Wappen, dann handelt es sich um Abbildungen, die streng nach einer gewissen Heraldik abzubilden sind.

Welche Steine verwenden Sie für die Mosaike?

Rheinkiesel als oberrheinische Spezialität. Daneben werden kleinformatige Mosaiksteine aus Basalt, Granit oder Marmor verwendet. Die Rheinkiesel sind oval geformt und besitzen eine hübsche konvexe Kopfform. Sie stammen aus den Schweizer Voralpen, die der Rhein durch den Bodensee bis an die Rheinufer unserer Region geführt hat. Ihre charakteristische flache elliptische Form und die intensiven Farbtöne erhalten sie durch das Reiben im Wasser. Wegen ihrer unterschiedlichen Mineralität und somit aufgrund ihrer Vielfarbigkeit eignen sie sich unheimlich gut zum Gestalten der Mosaike. Als Exot gibt es noch den Marmor aus Carrara. Oft markiert man damit sogar Zebrastreifen.

Das kostet bestimmt einiges?

Da wundere ich mich manchmal auch. Aber mit Werten zu arbeiten lohnt sich auch, denn wir können die Steine mehrmals verwenden. Wenn man zum Beispiel eine Verkehrsfläche aufgraben muss, können wir die Steine oftmals zum guten Teil wieder verwenden. Das wäre bei anderen Werkstoffen eher nicht der Fall. Insofern ist die Investition sinnig. Die Altstadt war nach dem Krieg richtig zertrümmert. Auch da hat man viele Baustoffe wiederverwenden können. Noch heute besitzen wir auf dem Bauhof gehütete Schätze mit denen wir auch gestalten, wie Rheinkiesel, Basalte, Porphyre, Granite und Marmor.

Hat sich etwas zu früher geändert?

Wir realisieren mehr und mehr barrierefreie öffentliche Räume. Und dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn zum Teil sägen wir schmale Streifen der historischen konvexen Steine ab. Die neue, sehr flächige Oberfläche stellt sich für das Auge natürlich erst einmal ganz anders da. Es wirkt nicht mehr so lebendig. Aber wir vernachlässigen nicht den Denkmalschutz.

Was bedeutet das konkret?

Die Form, die Mineralität, ob in Reihenverband oder Bogen verlegt, all das wird bewahrt. Wir ändern nur die Oberfläche und schließen damit einen Kompromiss zwischen Nutzung und Gestaltung.

In welcher Bauweise verlegt man Mosaike?

Früher hat man aus ästhetischen Gründen die nicht gebundene Bauweise bevorzugt. Dabei hat man freie Mosaike direkt auf der Straße in eine Sandbettung verlegt und die Fugen ebenfalls mit Sand verfüllt. In den Fugen bildete sich dann Moos und das hat sich sehr schön in die Landschaft eingefügt. Wenn die Steine sehr klein waren, etwa so groß wie ein Daumennagel, dann hat man die rund 1.000 Steine pro Mosaik in Zementmörtel verlegt.

Die Fugenoberfläche spielt bei den Mosaiken also eine wichtige Rolle?

Sie ist sehr entscheidend. Zum einen ist der Anteil hoch, zum anderen bilden die Fugen die eigentlichen Linien und Texturen. Ein in Mörtel verlegtes Mosaik besitzt gegenüber einer Sandbettung kahlere Fugenoberflächen. Sie bleiben sozusagen grau. Noch heute betreiben wir die nicht gebundene Bauweise auch, aber seltener. Bei kleinen, nicht so teuren Mosaiken. Hier sprechen wir von ein oder zwei Tagesleistungen.

Wäscht sich der Sand nicht wetterbedingt schnell heraus beziehungsweise lösen sich die Steine nicht durch die Verkehrsbelastung?

Wir haben nur dort Probleme, wo Regen von den Markisen tropft. Ansonsten verfestigt der Regen die Fugen. Und nach zwei Jahren haben sie sich mit Mikroorganismen und Moosen zugesetzt. Aber die Kehrmaschinen der Stadt sind ein Problem, denn sie saugen uns den Sand heraus. Deshalb darf die Stadt diese Mosaike nur per Hand kehren. Würde es die Kehrmaschinen nicht geben, könnten wir wunschgemäß viel mehr in ungebundener Bauweise ausführen. Denn es ist optisch schöner, ökologischer und wesentlich günstiger. Aber wir wissen natürlich auch, wie die Flächen verkehrsmäßig beansprucht werden. Hier haben wir also einen Zielkonflikt.

Heute verwendet man häufig Pfannen?

Richtig, die aktuelle Bauweise, Mosaike in Pfannen zu legen, hat sich nach und nach durchgesetzt. Denn, wie schon erwähnt, muss man immer öfter Gehwege und Straßen aufbrechen, um an Leitungen oder dergleichen zu gelangen. In diesen Fällen können wir natürlich die Pfannen schadlos herausnehmen und später neu setzen. Hierfür haben die Pfannen Henkel, die im Boden versteckt sind. Denn das letzte Partnerwappen hat zum Beispiel 12.000 Euro gekostet.

Hierbei kommen auch sogenannte Schablonen zum Einsatz?

Ja, die Schablonen sind wie ein Puzzle aus Holz oder Kunststoff. Wenn man zum Beispiel eine Kreuzblume mit ihren vier Blüten hat, besteht die Schablone aus vier Teilen. Zuerst legt man alle Puzzleteile vollflächig in die Bettung. Nach und nach nimmt man ein Puzzleteil heraus und füllt die Fläche mit Steinen aus. Zum Schluss pflastert man den Hintergrund.

Ein Blick in die Zukunft: Wird es Ihren Beruf des Pflasterers weiterhin geben?

Absolut. Die Ausbildungszentren haben Zuwächse. Es gibt eher Nachwuchsbemühungen. Denn durch den wachsenden Wohnraum werden wir immer mehr Erschließungsflächen herstellen müssen. Und somit nimmt auch die Wartung zu. Der Beruf ist ja nicht akademisch ausgerichtet. Aber man kann – so will ich mal sagen – sich mit einem normalen Bildungsstand toll weiterentwickeln, zum Techniker, zum Ingenieur und so weiter. Was man, ob männlich oder weiblich braucht, sind Geschick, Hingabe und Kreativität.

 

Im heute neu erschienenen STEIN-Heft, Ausgabe 08/2018, lesen Sie noch mehr über das große Bauvorhaben, nach der Freiburger Altstadt nun auch den dortigen Innenstadtring mit Graniten und Basalt zu pflastern. Unsere STEIN-Autorin Tanja Slasten beschreibt, was es dabei heißt, „der Geschichte verpflichtet“ zu sein und wie die Neugestaltung umgesetzt wird.