Lassen sich Grabsteine sinnvoll recyceln?

Stein Magazin

Steinmetz macht sich mit dem Verkauf alter Grabsteine nicht strafbar

Der skurrile Fall der Freizeitpark-Grabsteine wirft eine wichtige Frage auf: Wie gehen wir pietätvoll und nachhaltig mit alten Grabsteinen um?


Grabmal
Eine allgemeingültige Regel für Grabmale abgelaufener Anlagen gibt es in Deutschland nicht. Foto: Pexels

Es ist ein besonderer Fall, den die Staatsanwaltschaft Würzburg zurzeit betreut: Der Freizeitpark im nordbayrischen Geiselwind, 2017 von einem neuen Eigentümer übernommen, warb damals mit einer besonderen Attraktion, dem Horror-Lazarett des erfundenen Doktor Lehmanns. Zu dessen Gruselvilla – stilecht mit blutverschmierten Laboren und Leichen – gehört auch ein Friedhof. Und der sollte möglichst echt wirken. Der Betreiber kaufte deshalb von einem Steinmetz acht Grabsteine, die dieser von Grabauflösungen hatte. Ein Mädchen erkannte in einem dieser Grabmale den Stein ihres verstorbenen Großvaters wieder – denn Inschrift und Daten wurden weder unkenntlich gemacht noch entfernt. Die Witwe des Mannes erstattete deshalb Anzeige wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Sie hatte das Grab 2016 auflösen lassen und den zuständigen Steinmetz mit der fachgerechten Entsorgung beauftragt.

Ihm mache die Staatsanwaltschaft Würzburg keinen Vorwurf, sagt Pressesprecher Thorsten Seebach: „Das laufende Verfahren richtet sich nicht gegen den Steinmetz, sondern gegen den Betreiber. Der Steinmetz hat die Grabsteine nach unserer Kenntnis mit der Maßgabe verkauft, die Daten vor der Nutzung zu entfernen.“ Strafbar ist sein Handeln also nicht. Das des Betreibers nach Sicht der Staatsanwaltschaft hingegen schon – obwohl es ein ungewöhnlicher und nicht ganz einfacher Fall sei, so Seebach. „Hier findet die Definition der Verunglimpfung Anwendung, das ergibt sich aus dem Zusammenhang von echten Grabsteinen, die als Gruselfaktor in einem Freizeitpark aufgebaut werden.“ 

Der Parkbetreiber selbst äußert sich nicht mehr zu dem Fall. Die Inschriften der Steine hat er inzwischen entfernen lassen. Ob er wusste, dass es sich um wiederverwertete, echte Steine handelt, ist nicht bekannt. Das Amtsgericht Kitzingen hat einen Strafbefehl mit einer Geldstrafe erlassen, der wegen des Einspruchs des Betreibers aber nicht rechtskräftig ist. Das Gericht muss nun einen Termin zur Hauptverhandlung festlegen. Im Strafgesetzbuch ist in §189 festgelegt: „Wer das Andenken eines Verstorbenen verunglimpft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Der Paragraph soll sowohl die Angehörigen als auch den Toten in seinem Persönlichkeitsrecht schützen – zum Beispiel vor Beleidigung, übler Nachrede oder der Kränkung der Ehre.

Wie können Grabsteine pietätvoll weiterverwendet werden?

Für Steinmetzen wirft der Streit eine alte Frage auf: Wie können Grabsteine respektvoll “recycelt” werden? Die Meinungen dazu gehen auch innerhalb der Branche weit auseinander. Neben den Wiederverwertungs-Verweigerern gibt es viele, die es so sehen: Grabsteine symbolisieren bei der auf Deutschlands Friedhöfen üblichen Liegezeit meist nur zehn bis 25 Jahre Ewigkeit und Erinnerung. Kein Alter für Naturstein, “wegwerfen” wäre schon aus Nachhaltigkeitsaspekten unangebracht. Entscheidend ist also die Aufklärung der Hinterbliebenen und deren Wünsche.

Grabsteine können sowohl in ihrer ursprünglichen Bestimmungsart weiterverwendet werden – zum Beispiel als Andenken auf dem Privatgrundstück oder wieder als Grabmal, sofern der Stein nach der Entfernung der Inschrift noch die erforderliche Stärke besitzt. Für die meisten Kunden kommt das allerdings nur innerhalb der eigenen Familie in Frage. Häufig ist diese Form der Wiederverwendung nicht, denn das Aufbereiten bringt dem Steinmetz meist kaum Gewinn und den Kunden ebenfalls wenig Ersparnis. Manche Friedhöfe versuchen, Grabmalkultur zu bewahren, indem sie Patenschaften für komplette Grabstellen vergeben – auch dabei werden die Steine weiter in ihrer ursprünglichen Verwendung genutzt.

Grabmalkultur bewahren oder Straßen schottern?

Eine weitere Option ist die Umgestaltung von Grabsteinen, etwa zu Naturstein-Tischplatten oder Gartendekoration. Die Entfernung der Inschrift ist dabei aus Pietätsgründen Pflicht. Steinmetze können ehemalige Grabmale nach Entfernen der Inschrift außerdem zum Pflastern oder für Mauern nutzen. Meist landen ausrangierte Steine jedoch geschottert in Straßen, auch, weil bei Importen aus China und Co das Aufbereiten nicht lohnt. Vielleicht ist ein Umdenken und eine andere Wiederverwertung, transparent kommuniziert, dann doch die schönere und ehrenvollere Lösung.

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Stein neu ordnen

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„Bouquet“ und „Marble“(Foto: Constanza Meléndez

 

In gewissem Maße sind es die Meisterwerke von Tim Bennett: „Rose“, „Bouquet“ und „Marble“. Denn die Marmorwerke des Münchner Künstlers gehören zur Ausstellung „Me is ter“ der Galerie Jo Van De Loo. STEIN hat den Künstler in seinem Atelier im Münchner Stadtteil Giesing besucht, um sich von der Meisterlichkeit ein Bild zu machen. Unsere Skulptur des Monats April: 

Den Naturstein-Verschnitt kennen Stein-Experten: Rund die Hälfte des Materials kommt auf den Restposten. Nicht so bei Tim Bennett, Bildhauer in München. Wenn der gebürtige Engländer an seinem poliertem Carrara-Marmorblock arbeitet, geht er außergewöhnlich ökologisch vor. Mit Hammer und Meißel bearbeitet er den Stein, ohne dass er seine Funktion als Sockel verliert. Dabei wird dieser selbst zur Skulptur und die vermeintlichen „Reste“ zur Plastik. Denn der abgeschlagene Marmorbruch platziert Bennett „aufgepfropft“ auf den Sockel respektive Skulptur und ordnet damit das Material neu an. „Der Sockel spendet“ nennt der Künstler diesen Prozess. Eine wunderbare Beschreibung für ein Material, das für seine Härte geschätzt wird.

Materialkombination aus Marmor und Öl

Im Falle der Triologie von „Rose“, „Bouquet“ und „Marble“ (je 25x25x115 cm groß) hat Bennett die mit Dübel und Klebstoff verbundenen und mit ammoniakhaltiger Grundierung bearbeiteten Marmorbrüche noch mit Ölfarbe bemalt. Durch den pastösen Auftrag wirkt der kolossale Block weich und knetbar, ohne aber Sensibilität abzugeben.

„Der Prozess des Abschlagens dauert nur wenige Minuten. Auch das Aufsetzen der Reste auf den Sockel ist ziemlich simpel, sodass mich Steinmetze vielleicht belächeln würden“, meint Tim Bennett. Dabei ist es genau diese Einfachheit, die Bennett so faszinierend findet. Schließlich könne er so ganz intuitiv arbeiten und die Schönheit des Werkes in gewissem Maße dem Zufall überlassen.

Skulptur-des-monats-märz-Das-Haus-vom-Nikolaus-Schmidt
März 2017: Die Skulptur fertigte Robert Schmidt-Matt aus rotem Schweinstäler Sandstein. (Foto: Thomas Brenner)
Skulptur-des-monats-februar-dancing-column-tony-cragg
Februar 2017: Die „Dancing Column“ aus Seeberger Sandstein von Tony Cragg. (Foto: Charles Duprat)
skulptur-des-monats-januar-oloid-sabine-rassow
Januar 2017: Das Oloid aus kretischem Marmor von Sabine Rassow. (Foto: Piet Freitag)
skulptur-des-monats-dezember-mops-steve-seguin
Dezember 2016: „Der Mops“ von Steve Seguin aus Udelfanger Sandstein. (Foto: Bernd Decker)
skulptur_des-monats-november-homme-alberto-giacometti
November 2016: „Homme“ aus weißem Marmor von Alberto Giacometti. (Foto: Foto: Kunstmuseum Basel / Martin P. Bühler)
skulptur-des-monats-oktober_eisbaer_peter_hecht
Oktober 2016: Der liegende Eisbär aus Carrara Marmor von Peter Hecht. (Foto: Peter Hecht)
skulptur-des-monats-September-traumsaat-emanuel-wagner
September 2016: Die Skulptur „Traumsaat“ aus grünlichem Diabas von Emanuel Wagner. (Foto: Steinmetz Hans Wagner KG)
Skulptur-des-Monats-August - in motion
August 2016: Die Schwingungen der Skulptur „Steinskúfa“ von Karin Reichmuth versetzen sie in Bewegung. (Foto: Þröstur Eggertsson)
skulptur-des-monats-juli
Juli 2016: „Nautilus“ aus Marmor von Ulrike Glaubitz. (Foto: Künstlerin)

Über den Künstler Tim Bennett

Tim Bennett hat bereits mit 18 Jahren sein Heimatland England verlassen, um erst in Holland und später in Frankreich zu leben. Danach ist er ins Allgäu gekommen, um eine Ausbildung zum Koch zu machen. Finanziert hat er sich diese Jahre vor allem mit Porträtmalerei. Um diese Gabe zu professionalisieren, wollte er an eine Akademie. Für ein Vorpraktikum ging er zu den Restaurierungswerkstätten Dr. Pfanner GmbH – hier lernte Bennett vor allem, wie er mit dem Material Stein umzugehen hat. Und er lernte den „sichtbaren Prozess“ im Schaffensprozess mit den Stein-Arbeiten schätzen. In München studierte Tim Bennett schließlich Malerei und Bildhauerei, wobei er letzterem vor allem verbunden blieb. Heute wird Tim Bennett von der Münchner Galerie Jo Van De Loo vertreten.


Hier sehen Sie die Skulpturen der letzten Monate:

Skulptur-des-monats-märz-Das-Haus-vom-Nikolaus-Schmidt
März 2017: Die Skulptur fertigte Robert Schmidt-Matt aus rotem Schweinstäler Sandstein. (Foto: Thomas Brenner)
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Februar 2017: Die „Dancing Column“ aus Seeberger Sandstein von Tony Cragg. (Foto: Charles Duprat)
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Januar 2017: Das Oloid aus kretischem Marmor von Sabine Rassow. (Foto: Piet Freitag)
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Dezember 2016: „Der Mops“ von Steve Seguin aus Udelfanger Sandstein. (Foto: Bernd Decker)
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November 2016: „Homme“ aus weißem Marmor von Alberto Giacometti. (Foto: Foto: Kunstmuseum Basel / Martin P. Bühler)
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September 2016: Die Skulptur „Traumsaat“ aus grünlichem Diabas von Emanuel Wagner. (Foto: Steinmetz Hans Wagner KG)
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August 2016: Die Schwingungen der Skulptur „Steinskúfa“ von Karin Reichmuth versetzen sie in Bewegung. (Foto: Þröstur Eggertsson)
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Juli 2016: „Nautilus“ aus Marmor von Ulrike Glaubitz. (Foto: Künstlerin)

Freisprechungsfeier 2016 in Wunsiedel

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Nach 3 Jahren intensiver Lehrzeit ist die Steinmetz-Ausbildung am Steinzentrum in Wunsiedel für 40 Auszubildende beendet. Im Zuge einer traditionellen Freisprechungsfeier werden die Lehrlinge von Vertretern des Europäischen Fortbildungszentrums (EFBZ) in die Gesellenpraxis entlassen. 

Bei der Freisprechungsfeier 2016 wurden 40 Auszubildende des Steinmetzhandwerks am Steinzentrum in Wunsiedel nach erfolgreicher Beendigung ihrer Abschlussprüfungen geehrt. Im Rahmen einer jahrtausende alten Tradition beorderte der Zeremonienmeister und Leiter des EFBZ Erwin Hornauer die angehenden Steinmetze und Steinbildhauer feierlich in den Gesellenstand. Bei der zunftgerechten Freisprechungsfeier erfahren die Lehrlinge symbolisch durch einen Schlag mit dem Richtscheit eine letzte Züchtigung ihres Meisters. Vor der endgültigen Entlassung muss jeder Geselle zwei schnelle und einen festen Probeschlag an einem Steinblock vorführen – diese spiegeln Eifer und Bedächtigkeit bei der Handwerksarbeit wider. Der Abschied der Lehrzeit endet mit der Übergabe der Gesellenbriefe und Zeugnisse. Dieser Ablauf ist das Ergebnis einer traditionsreichen Zunftgeschichte. Schon seit Jahrhunderten werden Steinmetz-Lehrlinge mit einem Eintrag in das Gesellenbuch der Zunft und der Übergabe des Gesellenbriefs vom Familienverband des Meisters freigesprochen.

Erwin Hornauer betonte während der Feierlichkeiten, wie wichtig eine kontinuierliche Weiterbildung für die jungen Gesellen sei. Zu diesem Zweck werde das Fortbildungszentrum auch zu einem Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk ausgebaut. Nach der geplanten Fertigstellung des Neubaus Ende diesen Jahres können sich Steinmetze und Steinbildhauer an einer Erweiterung des Bildungsangebotes und Spezialkursen, wie beispielsweise der Steinbearbeitung mit modernster CNC-Technik, erfreuen.