Wenn Hydrophobierung der Fassade schadet

Die über 100 Jahre alte neobarocke Fassade aus Sandstein und Basaltlava des Helmholtz-Gymnasiums im Dortmunder Norden hat man aufwendig saniert (STEIN 03/2018). Der Bochumer Architekt Thomas Ritter spricht im Interview über die detaillierte Bestandsaufnahme, das umfangreiche Schadensbild und über die Auswirkungen der ehemals durchgeführten Hydrophobierung.

Der Architekt Thomas Ritter hat sein Büro 1996 in Bochum gegründet. Foto: ritter.architekten + planungsbüro GmbH

STEIN: Herr Ritter, wie gehen Sie bei einer Bestandsaufnahme vor?

Thomas Ritter: Wir erfassen als erstes den geometrischen Bestand. Das heißt, wir erstellen Pläne, die als Grundlage dienen, um die Kartierungen eintragen und die Massen ermitteln zu können. Dafür bedienen wir uns der Tachymeter Vermessung und dem Entzerren von Fotos. Wir setzen Passpunkte auf der Fassade, erstellen fassadenparallele Fotos und können mittels Software diese maßstabsgerecht entzerren. Zusätzlich fertigen wir CAD-Zeichnungen an. 

Wie sieht der zweite Schritt aus?

Das Zweite ist die technische Bestandserfassung und die beginnt mit der Grundlagenermittlung im Archiv: Was ist passiert? Wie verlief die Chronologie der Schäden? Anschließend folgt der nächste wichtige Schritt, die Fassadenbefahrung mittels Hubsteiger. Man klopft und tastet das Objekt ab, entnimmt Proben, führt Kernbohrungen durch, um den Aufbau zu ermitteln, ermittelt händisch die Geometrien profilierter Bauteile und so weiter.

In welchem Zustand befand sich die Fassade der Schule?

An der Fassade war es zum Abschalen der Steinflächen gekommen. Die Schalen rieselten langsam herunter, was nicht so gefährlich ist. Das andere, richtig gefährliche Phänomen waren die Steinabsprengungen. Hierdurch war die Verkehrssicherheit der Fassade nicht mehr gegeben. Denn zum Teil lösten sich Steinbrocken mit bis zu zehn auf zehn Zentimeter Größe oder Schalen, die drei bis fünf Zentimeter dick waren und auf den Gehweg fielen.

Was waren die Ursachen für diese Schäden? 

Das Technologische selbst. Die typische Verwendung von nicht korrosionsgeschützten Verbindungsmitteln, die oberflächennah eingebaut waren. Denn die Steinabsprengungen traten insbesondere in Bereichen der Eisenklammern auf: Das Eisenmaterial korrodierte, dehnte sich aus und sprengte den Stein in Gänze ab. Und die zweite Ursache war die, damals als vermeintlicher Schutz gedachte, aufgebrachte Hydrophobierung.

Das bedeutet, die Hydrophobierung hatte genau den gegenteiligen Effekt als gewünscht?

Das ist meistens so, weil man durch die Hydrophobierung den Eintritt von Feuchtigkeit trotzdem nicht verhindern kann. Wasser dringt über die Fugen bzw. über die Flankenabrisse ein, ebenso über unzureichend hydroprobierte Flächen. Die Feuchtigkeit kann nur verzögert ausdiffundieren, gefriert hinter den Steinflächen, dehnt sich aus. Und führt so zu Absprengungen und oberflächigem Abschalen.

Müsste man eine Hydrophobierung eigentlich immer wieder erneuern?

Das wäre eigentlich die Folge. Dieses setzt aber ein intaktes Fassadengefüge voraus. Sobald eine Schädigung aufgetreten ist, kann man mit einer Hydrophobierung nichts mehr erreichen. Wenn nach einer Erst-Hydrophobierung die Oberfläche absandet oder abschalt, nutzt es nicht, diese Maßnahme zu wiederholen.

Wie häufig haben Sie mit solchen und ähnlichen Schadensbildern zu tun?

Regelmäßig, denn es ist eine wesentliche Ausrichtung unseres Büros, seit nunmehr fast 18 Jahren. Und es passieren auch heute noch Fehler durch nicht fachgerechte Sanierung, die immer für Arbeit sorgen und sicherlich auch in den nächsten Jahren sorgen werden.