Impressionen vom Cimetière Saint-Pierre in Marseille

Stein Magazin

STEIN zeigt in einer Bildergalerie historische Grabmale des drittgrößten Friedhofs Frankreichs.

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Skulpturen wie diese hat Saint-Pierre reichlich zu bieten. Foto: Anne Fischer
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Der regionale Kalkstein ist Ausgangsmaterial der meisten Grabmale. Foto: Anne Fischer
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Und die fallen, je nach Areal des Friedhofs, sehr beeindruckend aus. Foto: Anne Fischer
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Steinerner Bilderrahmen als Grabschmuck. Foto: Anne Fischer
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Im Hintergrund die moderne Zeit – in Form von großen Urnenfeldern. Foto: Anne Fischer
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Auch vor hundert Jahren gab es schon Katalog-Ware – nur eben in Mausoleumsgröße. Foto: Anne Fischer
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Der Zahn der Zeit nagt, die Verwaltung kann nicht alle Grabmale erhalten. Foto: Anne Fischer
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Naturstein-beplankte Mausoleums-Tür. Foto: Anne Fischer
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Die historischen Grabmale finden sich zumeist auf Kiefern-Hügeln. Foto: Anne Fischer
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Ein Leuchtturm-Projekt, sicher auch zur Entstehungszeit. Foto: Anne Fischer

Die Mausoleen verfallen, die Urnenfelder wachsen

Der Cimetière Saint-Pierre ist einer der jüngeren seiner Art: Er wurde 1855 angelegt und acht Jahre später offiziell eingeweiht. Die Marseillaiser beerdigten ihre Angehörigen zuvor auf kleineren Pfarr-, Kloster- oder Krankenhausfriedhöfen – oder auf dem zentralen Friedhof Saint-Charles. Dieser lag im Stadtzentrum, bekam schnell Kapazitätsprobleme und wurde 1876 endgültig geschlossen. Saint-Pierre löste ihn ab, mit einem Areal von 63 Hektar.

Das wirkt zunächst unüberschaubar. Doch der Besucher orientiert sich schnell am Grün: Denn dort, wo auf kleinen Hängen Kiefern wachsen, findet er zuverlässig die historischen Grabanlagen. Dutzende namhafte französische Unternehmer und Künstler, darunter Maler, Bildhauer, Sänger sind hier begraben. Unter ihnen etwa der Komponist Vincent Scotto. Er wünschte sich folgende Grabinschrift: “Mein ganzes Leben lang habe ich komponiert, heute verwese ich.” Allein, es wurde nichts daraus – dieser letzte Wille schien Scottos Frau unangebracht.

Saint-Pierre ist ein eindrucksvoller Zeitzeuge für die Veränderung der Bestattungskultur auch im Nachbarland. Außergewöhnliche und vor allem: außergewöhnlich viele Mausoleen, Skulpturen und Grabdenkmale erinnern an die Hochzeit des Friedhofs – wenngleich sie teilweise in bedauernswertem Zustand ihrem Verfall entgegen altern. Riesige Urnengrabfelder bilden hügelabwärts ihr modernes Pendant.

Insgesamt arbeiten heute rund 150 Mitarbeiter auf dem Friedhof mit seinen 100.000 Grabmalen. Für deutsche Augen ungewöhnlich sind die Autos, die zwar nicht zahlreich, aber doch regelmäßig kreuzen. Saint-Pierre hat ein Straßennetz von insgesamt 15 Kilometern. Auch in Marseille bemüht sich die Verwaltung um Lösungen für den Friedhofswandel. Sie initiiert unter anderem Grabpatenschaften und versucht, möglichst viele der Gräber in einer Online-Datenbank zu inventarisieren. Auf dem Friedhof (und auch den 20 weiteren, die sich über das Stadtgebiet verteilen) gibt es ein interaktives Terminal. Interessierte können darüber die Gräber berühmter Persönlichkeiten suchen – oder das eines Verwandten auf dem riesigen Gelände finden.


Die Redaktion setzt die Serie “Impressionen vom Friedhof” in unregelmäßigen Abständen fort – und nimmt dafür gern Vorschläge und Wünsche entgegen, per Email an redaktion@stein-magazin.de

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Spurensuche auf Slate Islands

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Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

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