Kunst. Werk. Stein. Gedächtnis

Stein Magazin
das er zum 60. Geburtstag für die St. Mariengemeinde gefertigt hatte. Foto: Simone Kempert
das er zum 60. Geburtstag für die St. Mariengemeinde gefertigt hatte. Foto: Simone Kempert

Im Zentrum von Thomas Luckers Arbeit steht der Stein. Mit seinem Berliner Studio RAO plant er derzeit den Umzug altägyptischer Großarchitekturen und Monumente ins Pergamonmuseum. Darüber hinaus ist Lucker künstlerisch tätig: Für sein „Steinarchiv“ meißelt er ephemere fotografische Momente in Stein.

Der Künstler und sein Werk: Thomas Lucker erklärt die Hintergründe des Reliefs aus Kalkstein, das er zum 60. Geburtstag für die St. Mariengemeinde gefertigt hatte. Foto: Simone Kempert

Steine in der Dunkelkammer

Wer das Handwerk gelernt hat, ist für die Kunst verloren? Diese populäre Annahme widerlegt Thomas Lucker tagtäglich mit seiner Arbeit. Er ist ausgebildeter Steinmetz und Steinbildhauer, studierter Künstler, Restaurator, Forscher und Ausstellungsplaner. Abseits aller Schubladen verbindet er Kunst und Handwerk, bewegt sich frei zwischen den diversen Herausforderungen und Genres: „Es ist wie mit der sogenannten E- und der U-Musik, ich finde eine Unterscheidung müßig.“

Eine Offenheit, die ihm ein breites Spektrum an Erfahrungen und Kontakten beschert. So ist eines seiner jüngsten Kunstprojekte ein monumentales Kalkstein- Relief, das er für die St.-Marien-Kirche in Berlin-Zehlendorf geschaffen hat. Auf zwölf Tafeln zeigt er Menschen aus zwei Jahrtausenden in einer lockeren Prozession, an deren Ende der Heiland steht.

Lucker bezieht sich damit auf den 2. Brief des Petrus: „Für den Herrn sind tausend Tage wie ein Jahr.“ Diesen Satz hat er dahingehend ausgelegt, dass auch zweitausend unserer Jahre für Gott nur ein Augenblick sein könnten. Überhaupt spielen Fragen von Zeit und ihrer Wahrnehmung in Luckers Werk eine wichtige Rolle: „Der Zeitpunkt des Dargestellten, der Zeitraum der Kunstproduktion, die eigene Zeit der Betrachter. Subjektive und objektive Zeit.“

Seit 2008 fertigt Lucker, der unter anderem bei Makoto Fujiwara in Hannover freie Kunst studiert hat, Köpfe, Figuren und Reliefs für sein „Steinarchiv“. Dazu hat der Künstler eine einzigartige Technik entwickelt: Er belichtet seine Werke aus Thüster Kalkstein fotochemisch in einer Dunkelkammer, wobei er zum Teil autobiografisch arbeitet und Fotos aus eigenen Familienalben verwendet. Mit Knüpfel, Eisen und Raspel arbeitet Lucker die Darstellungen aus dem Stein heraus.

Dabei verleihen die teils groben Arbeitsspuren der Werkzeuge dem Werk eine skulpturale, haptische Aura. Durch eine mit dem Pinsel oder Schwamm aufgetragene lasierende Tönung entstehen Transparenzen, Überarbeitungen und Überlappungen, die Schichten der Erinnerung versinnbildlichen. Indem Thomas Lucker ephemere Momente in Stein meißelt, in ein Medium für die Ewigkeit, wirft er vielfältige Fragen auf.

Zum Beispiel danach, inwieweit wir unser Gedächtnis individuell formen und stetig umformen. Danach, wie gemeinsame Erinnerungen tatsächlich sein können. Oder danach, ob das, was wir uns heute rückblickend als kulturelles Erbe vorstellen, womöglich das Abbild einer imaginierten Vergangenheit ist. Geschichte, im wahrsten Sinn des Wortes.

Medium Kalkstein: Gewachsen auf dem Boden urzeitlicher Meere

Aufgrund seiner Materialität und Historie sei der Kalkstein das geeignete Material, um seine Absicht zu transportieren, erklärt Lucker: „Das schichtenweise Entstehen des auf dem Boden urzeitlicher Meere gewachsenen Steins ist für mich eine Analogie zu der Art und Weise, wie unser Gehirn Erinnerungen abspeichert.“

Seit 1996 lebt und arbeitet er in Berlin, wo er mit Jan Hamann das Studio „Restaurierung am Oberbaum GmbH (RAO)“ gegründet hat, das auf Denkmalpflege, museale und archäologische Restaurierung sowie Restaurierungsplanung spezialisiert ist. Aktuell beschäftigen die Partner ein eingespieltes Team, dem etwa 25 Restauratoren, Bildhauer, Architekten, Ingenieure, Kunsthistoriker und Archäologen angehören.

Zu den Auftraggebern zählen unter anderem die Staatlichen Museen zu Berlin. Derzeit ist RAO mit der Planung zur zukünftigen Aufstellung altägyptischer Großarchitekturen und Monumente im Pergamonmuseum beschäftigt, die zum Teil vom Ägyptischen Museum Charlottenburg auf die Museumsinsel ziehen werden, wo sie Teil des sammlungsübergreifenden Rundgangs Antike Architekturen werden.

Als „mein Baby“ bezeichnet Lucker dieses Projekt. In den vergangenen Jahren wurden einzelne Exponate bereits für den Umzug vorbereitet, so unter anderem die aus Rosengranit gefertigte Sphinx der Pharaonin Hatschepsut: Bei früheren Restaurierungen waren der Statue glatte und farblich monochrome Ergänzungen zugefügt worden. So entstand ein unstimmiger Gesamteindruck, den Lucker und seine Kollegen behutsam „beruhigten“.

Lesen Sie weiter in der STEIN 8/2021.

Könnte dich auch interessieren

Negro Marquina

Stein Magazin
der auf die enthaltenen organischen Kohlenstoffverbindungen zurückzuführen ist
der auf die

Petrologie, auch Steinkunde, ist die Lehre von der Entstehung, den Eigenschaften und der Nutzung der Gesteine. In unserer Online-Serie stellen wir Steinsorten und ihr Vorkommen vor: Diesmal Negro Marquina.

Der tiefschwarzer Grundfarbton des Negro Marquina, der auf die enthaltenen organischen Kohlenstoffverbindungen zurückzuführen ist, kommt am besten bei polierten Oberflächen zur Geltung. Foto: Abraxas Stone Experts/Giesen

Um es vorwegzusagen: Nero Marquina ist kein Marmor, sondern ein Kalkstein. Dennoch wird dieser Stein immer wieder in Prospektunterlagen als Marmor bezeichnet. Und das nicht nur bei Lieferanten, die aus Übersee stammen, sondern, auch bei Lieferanten deren nationale Normungsinstitute der CEN-Geschäftsordnung unterliegen.

In EN 12440 „Naturstein – Kriterien für die Bezeichnung“ lautet die Forderung für die Bezeichnung der jeweiligen petrografischen Familie gemäß Ziffer 3.2.: „Wissenschaftliche Bezeichnung des Gesteins, die aus der petrographischen Untersuchung nach EN 12407 und EN 12670 erhalten wird.“ Um ein Gestein als Marmor bezeichnen zu können, ist es notwendig, dass bei diesem Gestein eine metamorphe Umwandlung stattgefunden hat. Diese ist beim Negro Marquina nicht erfolgt.

Der Stein hat sich im Brackwasserbereich gebildet. Hier entstand durch den geringen Sauerstoffgehalt und abgestorbene Pflanzen und Tiere, die nicht sofort verwesten, Faulschlamm. Seine Herkunft kann man bei der Bearbeitung auch heute noch feststellen, denn derartige Gesteine werden nicht umsonst als Stinkkalke bezeichnet. Aber keine Angst: Im fertig eingebauten Zustand gehen von diesem Stein keinerlei Geruchsbelästigungen aus.

Lesen Sie mehr in der STEIN 2/2021.

Die Problemlöser aus Diamant

Stein Magazin

Jeder Anwender hat eigene Kriterien und Ansprüche an ein Werkzeug. Vor allem keramische Werkstoffe sind für viele Steinverarbeiter eine große Herausforderung. Herkömmliche Diamantwerkzeuge für Naturstein sind für die spröden Materialien ungeeignet. Inzwischen bieten Werkzeughersteller “Diamant”-Lösungen, die die empfindlichen Platten sicher bearbeiten.

Mit Dekton von Cosentino ist ein besonders anspruchsvoller Werkstoff hinzugekommen. Er ist hart und unnachgiebig gegenüber Verarbeitungsfehlern, so das einhellige Urteil der Anwender. Der anfänglichen Ratlosigkeit ist die Erkenntnis gewichen: Das gesinterte Material lässt sich nicht nur profilieren, sondern auch sicher schneiden, wenn man die Vorgaben der Werkzeughersteller akribisch beachtet.

Welcher Hersteller hierbei die Nase vorne hat, wird in der Steinmetzbranche eifrig diskutiert. Das optimale Schneidergebnis hängt neben der geeigneten Abstimmung von Bindung und Körnung auch von der Disziplin der Anwender ab. Regelmäßig anschärfen ist Pflicht, viel Kühlwasser und eine hohe Drehzahl ebenso. Doch nicht nur die Werkstoffeigenschaften fordern die Werkzeughersteller; oft sind es auch die Anwender selbst, die die Möglichkeiten von Maschine und Werkzeug voll ausreizen. Kurvenschnitte zum Beispiel; Gebogene Schnitte mit dem Sägeblatt auszuführen stresst Blattkerne und Segmente. Trennscheiben für Firmen, die Blätter nicht jedesmal extra umspannen wollen, besitzen daher gelaserte Segmente und einen verstärkten Kern.

Bei König hat man auf den Ruf nach mehr Tempo mit den sogenannten UHS-Werkzeugen reagiert. Das Akronym steht für Ultra High Speed. Wie sich das in der Praxis auswirkt, erklärt König-Produktmanager Stefan Nichter: Waren bei drei Zentimeter starkem Granit früher 200 bis 300 Millimeter Vorschub in der Minute mit dem Fingerfräser üblich, erreichen die UHS-Fräser 400-500 Millimeter. Besonders deutlich werden laut Nichter die Fortschritte in der Werkzeugherstellung bei den Parametern für Kunststein. Erreichte ein Fingerfräser im zwei Zentimeter starken Engineered Stone früher 300 bis 350, leisten die UHS-Werkzeuge bis zu 600 Millimetern in der Minute. Wie fordernd dagegen Keramik ist, zeigen die derzeit empfohlenen Werte von 150 bis 250 Millimetern in der Minute.

Lesen Sie mehr zum Thema “Empfindliche Werkstoffe sägen”mit vielen Beispielen aus der Praxis in STEIN im März 2015.