Neuer Natursteinführer München

Der „Natursteinführer München“ zeigt, wo und wie Naturstein in Münchens Architektur verarbeitet wurde. Die neue Auflage von 2015 ist viel umfassender: Sie hat ein weiteres Kartierungsgebiet und bezieht sich auch auf kleinere Arbeiten wie zum Beispiel Natursteinstufen. Wir sprachen mit dem Autor Johann Weber, dem Leiter der Baustoffsammlung der Fakultät für Architektur an der Technischen Universität (TU) München, über sein Buch und unter welchen Umständen es entstanden ist.

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Dipl.-Ing. Johann Weber, Leiter der Baustoffsammlung am Lehrstuhl für Baukonstruktion und Baustoffkunde der TU München und Autor des Buches „Natursteinführer München“. Foto: Gertrud Halas

STEIN: Warum ein Natursteinführer für München?

Johann Weber: Gerade für Architekturstudenten ist es wichtig, ihr Handwerk nicht nur theoretisch zu erlernen, sondern auch Bezug zur Praxis zu erhalten. Im „Natursteinführer München“ sind ein großer Teil der Natursteinarchitektur Münchens und andere Natursteinarbeiten erfasst. Auf Stadtrundgängen zeige ich den Studenten einige Beispiele. So können sie die Steine und ihre Bearbeitung in bereits realisierten Bauten ansehen – das Material „anfassen“ und Gesamtkonzepte von Natursteinarchitektur „live erleben“.
Das Format ist aber nicht neu. Schon in den 1960er-Jahren begann unter Prof. Franz Hart Josef Geldhauser mit handschriftlichen Aufzeichnungen über Naturwerksteine in München. 1994 entstand so der erste Natursteinführer, an dem ich auch mitgearbeitet habe. Mein Vorgänger hat auch die Baustoffsammlung der TU München mitaufgebaut.

STEIN: Wie kam es zur Umsetzung einer derart umfangreichen Baustoffsammlung?

Johann Weber: Im Nationalsozialismus waren prestigeträchtige Bauten aus Naturstein ein Zeichen ideologischer Stärke – so auch die Feldherrenhalle am Königsplatz. In Nürnberg sollten noch viele Bauten umgesetzt werden, dazu wurde eine große Natursteinsammlung angelegt. Prof. Franz Hart gelang es nach dem Krieg, diese Sammlung an die TU München zu holen. Im Laufe der Zeit erweiterte sich unser Bestand. Heute sind fast alle deutschen Natursteine zu sehen, aber auch Steine aus der Schweiz, Italien und der restlichen Welt. So spielt unser Anschauungsmaterial nicht nur eine Rolle für Studierende, sondern hilft zum Beispiel auch Bauherren und Architekten bei der Auswahl eines Steines oder Restauratoren auf der Suche nach einem Material für Sanierungsarbeiten. Für jeden am Stein Interessierten bietet die Baustoffsammlung einen sehr umfangreichen Überblick.

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In der Ausstellung zum Buch wurden nur einige vieler Beispiele von Natursteinarbeiten in München gezeigt. Foto: Gertrud Halas

STEIN: Können auch Steinmetzen von der Sammlung profitieren?

Johann Weber: Natürlich. Hier sind so viele Steine zu sehen, wie sie ein Händler oder einzelner Steinmetz gar nicht selbst zur Hand haben kann. Und für jeden mit Naturstein arbeitenden Unternehmer ist ja ein direktes Erlebnis des Materials sehr wichtig. Außerdem ist ein Austausch von Architekten und Handwerkern immer fruchtbar und in der Praxis auch von Nöten. Denn das Fachwissen über Naturwerkstein und seine Be- und Verarbeitungsformen kann einem angehenden Architekten nicht so intensiv beigebracht werden. Ein Steinmetz ist ja auf dieses Material spezialisiert.
Bei meinen Arbeiten am Buch fiel mir auch ein falscher Umgang mit dem Material auf. So wurden beispielsweise Natursteinfassaden mit deckender Farbe beschichtet. So etwas könnte vermieden werden.

STEIN: Noch einmal zurück zum Buch: Wie sind Sie eigentlich genau vorgegangen?

Johann Weber: Ich bin mit Stift und Papier durch die Straßen Münchens gewandert und habe alles dokumentiert. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass einen jemand schief anschaut. Was will der da? Vielleicht einen Strafzettel verteilen? Bei der Staatskanzlei wurde ich, nachdem ich mich genauer umgesehen habe, sogar angesprochen. Glücklicherweise traf ich auf den Technischen Leiter, der mich dann auf einen Rundgang innerhalb des Gebäudes einlud.

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Die neue erweiterte Auflage des "Natursteinführers München". Foto: Gertrud Halas

STEIN: Was ist für Sie das Besondere an Naturstein?

Johann Weber: Heute kann Naturstein neben den traditionellen Steinbearbeitungen in vielfältigster Weise bearbeitet werden. Man denke an die CNC-Technik oder andere komplexe Maschinenbearbeitung. Das schafft ganz andere ästhetische Möglichkeiten. Allgemein ist Naturstein ähnlich wie Holz ein lebendiges, sich veränderndes Material. Es spiegelt den Lebenskreislauf wider. Wenn man in großen Dimensionen denkt, wird Stein auch die Menschheit überleben. Gebäude verfallen zwar, aber unter der Erde entstehen wieder neue Gesteinsschichten etc.

STEIN: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Johann Weber: In unserer Baustoffsammlung fiel mir auf, dass die verschiedenen Naturwerksteinplatten einen unterschiedlichen Klang besitzen, wenn man sie mit einem Gegenstand zum Klingen bringt. Eigentlich wäre es doch ganz interessant, eine Wand ähnlich eines Xylophons zusammenzustellen und Musiker darauf spielen zu lassen. Das wäre mal etwas anderes – Material, Architektur, Musik, ein neuer Ansatz der Materialbetrachtung. Man weiß ja nie …

Der „Natursteinführer München“ kann beim Franz Schiermeier Verlag in München für den Subskriptionspreis von 12,00 Euro bis 31. Dezember 2015, anschließend für 16,00 Euro bezogen werden. Außerdem ist er natürlich in der Baustoffsammlung der Fakultät für Architektur an der TU München erhältlich. Diese ist jeden Donnerstag von 15-16 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.