Petition fordert Umdenken beim Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam

Künstler und Architekten kritisieren in einem Offenen Brief das Projekt. Sie vermissen eine Abgrenzung zur rechten Historie.

Potsdam-737x492

Initiator Philipp Oswalt schreibt in seinem Offenen Brief an 
Bundespräsident Steinmeier, Kulturstaatsministerin Grütters, den Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Potsdams Bürgermeister Mike Schubert: „Der Bau soll ein Lernort der deutschen Geschichte werden. Wenn es nur darum ginge, warum braucht es dafür den Wiederaufbau der Garnisonkirche in der historischen Gestalt? Warum kann man sich dann nicht ergebnisoffen auf die Suche machen, was heute eine angemessene bauliche Form für diesen Zweck an diesem Ort sei? Doch für die Verfechter des Projektes ist die Wiedergewinnung der historischen baulichen Form das Primäre. Und das Nutzungskonzept dient dazu, diesen Wunsch angesichts der Problematik des Ortes gesellschaftlich erträglich werden zu lassen.“

Drei Forderungen für die Garnisonkirche

Die Erstunterzeichner kritisieren, die zuständige Stiftung grenze sich nicht ausreichend nach rechts ab. Damit vermittle sie ein problematisches Geschichtsbild. Die Petition fordert deshalb deutliche Veränderungen beim geplanten Neubau. Die Rekonstruktion nach historischem Vorbild sende falsche Signale. Oswalt und seine Mit-Unterzeichner wollen „Bruch statt Kontinuität“: Das 1991 gestiftete Glockenspiel habe „revisionistische, rechtsradikale und militaristische Widmungen“. Es solle abgerissen werden. Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. schenkte es der Stadt 1991. Leiter des Vereins war der rechtsradikale Bundeswehr-Oberstleutnant Max Klaar.

Eine weitere Forderung betrifft die Schmuckelemente der Kirche. Bei der Rekonstruktion solle „auf die Nachbildung jeglichen Waffenschmucks“ verzichtet werden. Es dürfe nicht zu einer „Verherrlichung von Kriegsgerät“ kommen. Schlussendlich sei die aktuelle Trägerschaft zu überdenken. Sie stehe für die unkritische Einheit von Kirche, Staat und Militär.

Die Stiftung hat sich zu den Forderungen zu Wort gemeldet: Sie bietet an, „eine Expertise zu Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Glockenspiels erstellen zu lassen“. Darüber hinaus fördere gerade ein wiedererkennbarer Turm wichtige Fragen. Bei der Rekonstruktion halte man sich an das Motto „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“. Die Stiftung biete dazu bereits ein breites, inhaltliches Programm an. Die in der Petition kritisierte Zusammenarbeit von Vertretern aus Kirche, Politik und Militär in einen historischen Kontext zu setzen, sei diffamierend.

Bedeutung fürs Stadtbild versus Bedeutung in der NS-Zeit

Unumstritten war der Wiederaufbau nie: Befürworter führen als Argument die Bedeutung der Garnisonkirche an. Denn mit ihrem rund 90 Meter hohen Turm war sie einst das höchste Bauwerk und dementsprechend Stadtbild prägend. Die Gegenseite hält mit der Historie gegen. Die 1735 erbaute Barockkirche unterstand von Beginn an den Preußen – und ist damit Sinnbild für deren militärische Politik. 1933 eröffneten Hindenburg und Hitler am „Tag von Potsdam“ an der Kirche den Reichstag. Das machte sie zur Kulisse der Polit-Propaganda. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten die Alliierten die Garnisonkirche bei einem Bombenangriff weitgehend. Die Reste wurden 1968 abgerissen. Im Herbst 2017 begann der Wiederaufbau.