Restaurierung einer Kirchenfassade

Als eine von vier Kirchen in der Berner Innenstadt ist die frei stehende Heiliggeistkirche ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. –Ihre Westfassade wurde bereits 2002 saniert. Nun geht die Arbeit am eingerüsteten Turm und an den übrigen Fassaden weiter. Der Dreiecksgiebel an der Südfassade unterhalb des Turms wird von einer Reihe von Konsolen scheinbar -getragen. Deren Kanten waren im Lauf der Zeit stark verwittert und boten keinen schönen Anblick mehr. Abgesehen von der optischen Beeinträchtigung beschleunigt eine raue Oberfläche auch die Verwitterung. Die Fassade der Berner Heiliggeistkirche ist mit Sandsteinplatten aus den Steinbrüchen Ostermundingen und Krauchtal verkleidet. Das relativ weiche Material lässt sich mit Steinmetzwerkzeug einfach bearbeiten, ist aber sehr witterungsanfällig, weil das Bindemittel des Sandsteins – im Wesentlichen Lehm – vom Regen ausgewaschen werden kann. Vor allem die profilierten Bauelemente an Turm und Fassade zeigen starke Verwitterungsschäden und Abplatzungen . Doch während verwitterte Stellen zu früheren Zeiten bis zu zehn Zentimeter tief weggeschnitten und durch Flicksteine ersetzt wurden, hat in der Denkmalpflege ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der eine möglichst schonende Behandlung der originalen Bausubstanz fordert. Schadhafte Stellen werden nach Möglichkeit mit einem speziellen Steinergänzungsmörtel aufmodelliert .

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Die Heiliggeistkirche in Bern

 

Sowohl Fassaden- als auch Bildhauerelemente können damit reprofiliert beziehungsweise rekonstruiert werden, wie die Sanierung der Südfassade der Heiliggeistkirche belegt. Verarbeitet wird der Steinergänzungsmörtel immer in zwei Schritten: Zunächst werden die beschädigten Fassadenteile aufmodelliert, danach werden diese Partien reprofiliert. Das Aufmodellieren der Steinersatzmasse beugt einer weiteren Verwitterung vor und ist auch optisch ein Gewinn. Vor dem Auftragen des Sanierungsmörtels wird verwittertes, mürbes und bröckelndes Material entfernt. Anschließend montieren die Arbeiter mit einer Wasserwaage und einem Akkuschrauber eine zurechtgesägte Schalungstafel als Stützschalung. In der auf Maß gebauten Schalung wird der Mörtel aufgebaut und die Form grob strukturiert. . Die Außentemperatur muss mindestens fünf Grad Celsius betragen, damit die Steinersatzmasse abbinden kann. Bei der Nachbearbeitung  ist der Mörtel noch feucht: Je nach Außentemperatur kann man sich bis zu einen Tag Zeit nehmen, das Profil herauszuarbeiten. Auf filigrane Kanten wird der Steinersatzmörtel mit einem feinen Spachtel aufgetragen und scharfkantig nachgezogen – eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl und sorgfältiges Hantieren erfordert . Dabei entwickelt sich kaum Staub und das Arbeiten verursacht nur wenig Lärm, zudem geht die Sanierung wesentlich schneller vonstatten als beim klassischen Steinersatz. Ein weiterer Vorteil des Mörtels ist, dass man auch kleinste Fehlstellen damit ausbessern und dadurch größeren Aufwand und Kosten vermeiden kann .

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Die verwitterten Konsolen vor der Sanierung. Runde Kanten und mürbes Material zeigen den Verfall des Sandsteines.

 

Auch die Lisenen, einschließlich der Ecklisenen, waren mürbe geworden. Zunächst wurden sie mit Knüpfel und Zahneisen auf den gesunden Grund zurückgespitzt. Bei großen Flächen wie diesen erinnert die Arbeit mit dem Steinersatzmörtel an das Betonieren: Millimetergenaue Schalungen dienen als Hilfskonstruktion für den Auftrag des Mörtels . Mit einer Kelle trugen Mitarbeiter den Mörtel Schicht für Schicht auf den vorher gut gereinigten und vorgenässten Untergrund auf, bis das gewünschte Volumen aufgebaut war. Anschließend arbeiteten sie mit einem Hobel oder einem geeigneten Kratzwerkzeug nach. Im halbfesten Mörtel schnitten sie die Fugen bis auf den originalen Sandstein herunter, um Spannungsrissen vorzubeugen . Die relativ hellen Fugen entsprechen denjenigendes Originalzustands. Zum Verfüllen kam ein spezieller Fugenmörtel zum Einsatz, der farblich an die Originalfuge angepasst wurde.

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Vor dem Auftragen größerer Volumen wird eine Stützschalung angebracht. Schraubzwingen fixieren die Hilfskonstruktion.

 

Die Restaurierung der Heiliggeistkirche spiegelt die aktuelle Haltung der Denkmalpflege in der Schweiz wider. Während man früher die Form höher gewichtete als die originale Bausubstanz und großzügig neues Material einbrachte, ist es heutzutage oberstes Ziel, die originale Bausubstanz so lange wie möglich zu konservieren. Die Aufmörtelung mit Steinersatzmasse ist dazu ein ideales Verfahren, wie viele schadensfreie Ausführungen innerhalb der letzten 30 Jahre belegen. Nicht angebracht ist die Aufmörtelung als Ersatz von statisch beanspruchten Bauteilen. Auch im erdnahen Bereich ist aufgrund der Gefahr des kapillaren Eindringens von Salzen Vorsicht geboten.

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Bis zu 24 Stunden kann am halbfesten Mörtel noch modelliert werden, bevor das Material nach zwei Wochen komplett aushärtet ist.

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