Schein aus Stein

Computergestützte Planung: Laaser Marmor sorgt für kühle Eleganz in der Lobby eines Londoner Hochhauses.

Diese Wand im Weißwasserbruch ließ die Architekten ins Träumen geraten. Die Rohblöcke werden noch vor Ort digital erfasst. Foto: Tom St Aubyn
Diese Wand im Weißwasserbruch ließ die Architekten ins Träumen geraten. Die Rohblöcke werden noch vor Ort digital erfasst. Foto: Tom St Aubyn

Wer den 172 Meter hohen Turm durch die spiegelnde Glasfront des südlichen Eingangs betritt, wird möglicherweise kurz stutzen und sich fragen, ob das hier nicht doch eine Kathedrale oder gar ein moderner Palast ist. Denn der gesamte Eingangs- und Aufzugsbereich scheint aus einem großen Marmormonolithen geschlagen zu sein: Der glänzend weiße Stein ist von einer ungebrochenen Venierung durchzogen, die den Eindruck vermittelt, der Gebäudekern bestünde aus einem massiven Steinblock. Erst beim zweiten Blick sieht man, dass der gesamte Eingangsbereich bis unter die acht Meter hohen Decken sowie der Empfangstresen mit großformatigen Platten ausgekleidet sind.

Wahrlich ein beeindruckendes Projekt, das in seiner minimalistischen Einfachheit erahnen lässt, welch minutiöse Planung und passgenaue Ausführung hier nötig gewesen sind, um diese cleane Eleganz zu erzeugen. 100 Bishopsgate wurde von Brookfield Multiplex, einem Zusammenschluss der in New York ansässigen internationalen Immobilienfirma Brookfield und der australischen Baufirma Multiplex, als Bauträger beauftragt, und das Londoner Architekturbüro Allies und Morrison übernahm die Planung des Komplexes. Brookfield hatte bereits Erfahrung mit italienischem Marmor gesammelt: Mit dem in Carrara ansässigen Unternehmen Euromarble hatte das Unternehmen einige Projekte in Australien realisiert. Euromarble empfahl nun den strahlend weißen Stein, der im Südtiroler Weißwasserbruch bei Laas im Vinschgau, etwa 20 Kilometer westlich von Meran, abgebaut wird. Die Stollen des Bruchs reichen teils 100 Meter tief in den Berg hinein und münden in Hallen von kathedralenhaften Ausmaßen. Kurt Ratschiller, Produktmanager bei Lasa Marmo, erzählt lächelnd, wie das angereiste Architektenteam hier beeindruckt vor einer solchen Marmorwand stand. Beim Anblick der Wand entstand der Wunsch, diese am Stück aus dem Berg zu schneiden und in der großzügigen Lobby des Bürogebäudes aufzustellen. Damit sei das erste digital gesteuerte Projekt für Lasa Marmo geboren gewesen.

Zwar war es nicht möglich, eine Steinscheibe mit einer Fläche von acht auf 30 Metern zu versetzen, doch die Grundidee blieb und konnte in enger Zusammenarbeit mit Euromarble realisiert werden. Denn der Clou liegt hier in zwei innovativen Techniken: Lasa Marmo scannt jeden Gesteinsrohling, der aus dem Bruch in das hauseigene Werk gelangt, mit einem Hochleistungsscanner. Die individuelle Farbgebung und Venierung können so katalogisiert werden. Euromarble beteiligte sich mit der Technik des „digital dry lay“: Mithilfe eines Computertools schneiden die Planer bequem im Büro die Scans virtuell zu und stellen somit für jeden Bedarf Verlege- und entsprechende Schnittmuster zusammen.

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