Skulptur des Monats: Sternenhimmel

Stein Magazin

Januar 2016: “Sternenhimmel”

Der Sternenhimmel übt schon immer ein gewaltige Faszination auf die Menschheit aus. In allen Kulturen ließ man sich von den Sternen inspirieren. Sie dienten religiösen Interpretationen oder der Orientierung, sei es in der Kalenderbestimmung oder in der Navigation. Ein besonderes astronomisches Ereignis am Himmel ist die Sonnenfinsternis. Eine totale Sonnenfinsternis, bei der der Mond die Sonne aus der Perspektive der Erde restlos verdunkelt, tritt im Schnitt nur circa alle 375 Jahre über einem bestimmten Ort auf der Erde ein.

Was heute oft wie ein Event zelebriert wird – ein public viewing mit Schutzbrille sozusagen –, war in Zeiten vor einer astronomischen Erklärbarkeit oft ein mit Angst besetztes Phänomen, ein Zeichen Gottes oder ein schlechtes Omen. Trotz dem oftmaligen Spektakelcharakter der Beobachtung der Himmelserscheinung hinterlässt die Verdunklung der Sonne auch heute noch emotionale Spuren bei vielen Betrachtern. Unsere Skulptur des Monats Januar 2016 zeigt einen Ausschnitt des Prozesses des langsamen Verschwindens der Sonne hinter dem Mond – den Augenblick, in dem man innehält, im Bewusstsein, dass das helle Licht bald der Schwärze weichen wird.

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Januar 2016: „Sternenhimmel“, eine hängende Skulptur aus Carrara Marmor und Blattgold, von Riccardo Atta. (Foto: Künstler)

Langsam schiebt sich der Mond vor die Sonne. In der Darstellung wird der Mond noch hell von den Strahlen der Sonne beleuchtet, nur ein kleines Stück verliert sich schon in der Dunkelheit. Die Helligkeit des verwendeten Carrara-Marmors steht im Kontrast zur eigentlich assoziierten Dunkelheit des Sternenhimmels und der kommenden Finsternis. Die Arbeit wirkt freundlich und hoffnungsvoll. Nur die Durchbrüche zeugen von etwas nicht Greifbarem, vielleicht auch Unheimlichem. Der Steinmetz- und Bildhauermeister Riccardo Itta aus Überlingen gestaltete die Skulptur aus einer vier Zentimeter starken Platte Carrara-Marmor und 24-karätigem Blattgold. Von beiden Seiten bearbeitete er den Stein ausschließlich mit der Flex. Nur die Steinfläche des vergoldeten Mondes ist gestockt und überschliffen. Stege wurden händisch weggeschlagen.

„Bei meiner Skulptur ging es mir vor allem um den Prozess der Bearbeitung, also darum, mit welchen handwerklichen oder technischen Möglichkeiten ich meine Idee im Kopf konkret im Stein umsetzen kann – um ein Erkunden der Struktur“, erklärt Itta. Er zeichnet keine Skizzen oder gestaltet Modelle, in der Realisation im Stein selbst wird sein Entwurf im Kopf manifest. Manchmal brüten Ideen über Jahre hinweg in seinem Kopf, bis er mit ihnen schwanger geht. Auch den „Sternenhimmel“ trug er Jahre lang mit sich herum, bis es 2012 zur Gestaltung kam.

Der Charakter der Arbeit ist bestimmt durch ihre raue, gebrochene Oberfläche. Die Fläche ist einerseits strukturiert durch die vertikalen Schnitte im Stein, andererseits wird diese Struktur durch Löcher und abgebrochene Enden aufgelöst. Diese bewusst gesetzten „Störungen“ verschaffen dem Betrachter eine Ahnung von der undurchschaubaren Weite des Himmels. „Die Löcher weisen in die Unendlichkeit“, sagt der Bildhauermeister. Er wolle aber keine vorgefertigten Interpretationen liefern, sondern finde es schöner, wenn Betrachter der Skulptur eine eigene Bedeutung zuschreiben. Fragen aufwerfen, nicht Antworten geben soll sie. Die Auslegung ist wie die Arbeit am Stein ein individueller Prozess, der aber auch einen Dialog und Gemeinsamkeit schaffen kann.

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Riccardo Itta schloss 2004 die Meisterschule in Freiburg ab und hat sich 2005 selbstständig gemacht. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Restaurierung, er führt aber auch immer wieder Bildhauerarbeiten und Grabzeichen aus. Foto: Riccardo Itta

Das Besondere der Arbeit liegt in ihrer Form. Der steinerne Sternenhimmel ist ein Wandbild. Eine Art zweidimensionale Skulptur, die mit ihrer Struktur, ihren dreidimensionalen Elementen, den Raum als Kategorie erfahrbar macht. Wenn wir in den Himmel blicken, erscheint der Himmel auch eher wie eine Fläche mit Sternenpunkten. Gleichzeitig wissen wir aber um die Tiefe des Alls. Die dritte Dimension wird in modernen physikalischen Theorien sogar um eine vierte oder auch mehrere Dimensionen ergänzt. Die Vorstellung dieser Mehrdimensionalität ist kaum fassbar, die Unendlichkeit lässt sich nicht wirklich greifen.

In der Form des Bildes spiegelt sich sein Inhalt wieder. Ein Inhalt, der von jedem Fragen zum Wesen der Dinge abfordert. Für manche liegt die Antwort in Göttlichem. So beschreibt zum Beispiel Adalbert Stifter die erlebte totale Sonnenfinsternis „als einen Moment, da Gott redete und die Menschen horchten.“ Für andere eröffnet sich in schwarzen Löchern das reine Nichts, das alles verschluckt. Wieder andere sind sich sicher, dass in Zukunft alle Phänomene naturwissenschaftlich erklärbar sein werden. Die Skulptur geht an unsere Substanz – im positiven Sinne. Mit ihrer Strahlkraft durch das Weiß des Steines und das Gold der Sterne und des Mondes zeugt sie aber von einer zuversichtlichen Sicht auf die Zukunft, von einer Lebenswelt, in der die Dinge im Einklang miteinander stehen. Und diese Aura der Gelassenheit gegenüber den – auch unerklärlichen – Dingen tut einfach gut. Nicht ohne Grund wiesen schon antike Philosophen dem Guten, Wahren und Schönen eine Zusammengehörigkeit zu.

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Spurensuche auf Slate Islands

Stein Magazin
Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

Notre-Dame lieber langsam und behutsam wieder aufzubauen. Foto: C00-Lizenz/skeez/Pixabay

Dombauhütten-erfahrene Metze sind rar

Experten halten die angesetzten fünf Jahre für die Sanierung für nicht machbar. Unter anderem, weil es nicht genügend Steinmetze gibt. Über den Status Quo der Sanierungspläne und deutsche Hilfsangebote.

Schon wenige Stunden, nachdem Notre-Dame brannte, war klar: Am Geld wird der Wiederaufbau nicht scheitern. Das wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber Fakt – bis heute haben Spender rund 900 Millionen Euro für die Sanierung der Pariser Kathedrale gespendet. Fraglicher ist schon, wie die zerstörten Teile erneuert werden sollen: Nach historischem Vorbild oder modernen Entwürfen? Ein Dachstuhl aus Stahl statt dem Holz von über tausend Eichen? In Frankreich läuft aktuell die Bestandsaufnahme der Schäden, die Regierung hat einen Architektenwettbewerb ausgelobt. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat außerdem eine Zeitvorgabe ausgerufen, die Experten für nicht machbar halten: Er will, dass die Sanierung von Notre Dame 2024 abgeschlossen ist.

Wolfgang Zehetner, Vorsitzernder der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, sagt im Interview mit der Deutschen Welle, das sei vor allem in Hinblick auf die nötigen Fachkräfte schwierig. Es gebe in Europa nur noch sehr wenige Steinmetze mit Erfahrung in historischen Bautechniken.

Steinmetze und -Bildhauer sind schließlich schon generell eine rare Spezies. Doch für die Arbeit an Notre-Dame brauche es außerdem Fachkräfte, die ihre Ausbildung möglichst an einer Dombauhütte absolviert haben. Diese Bauhütten seien wie “die letzten gallischen Dörfer”. Das Handwerk auf heutigen Baustellen sehe schlichtweg völlig anders aus – industriell nämlich.

Der Bundesverband Deutscher Steinmetze will die Hilfsangebote und Ideen der deutschen Steinmetze sammeln und koordinieren. Bisher haben sich mehr als zehn Betriebe und Einzelpersonen mit konkret umrissenen Angeboten oder Ideen gemeldet. Außerdem sammeln Steinmetze und Bildhauer in einer Facebook-Gruppe zur Zeit Unterstützungsangebote, die sie dem BIV gebündelt weitergeben wollen.

Dabei könnten entweder Stücke in Betrieben und Ausbildungsstätten gefertigt und zentral nach Paris geliefert werden. Möglich wäre auch, dass Steinmetze und Lehrlinge vor Ort in Paris helfen.

 BIV-Sprecherin Sybille Trawinski sagt, die Hilfsangebote böten auch die Chance, das hohe Fachwissen und die Spezial-Kenntnisse der Steinmetze in der Denkmalpflege zu zeigen 
und auf internationalem Niveau einzubringen. Und einen Beitrag für die europäische Gemeinschaft und den Kulturerhalt zu leisten. “Nicht zuletzt geht es auch um die deutsch-französische Freundschaft und den Gemeinsinn eines Gewerks, auch über Ländergrenzen hinweg”, so Trawinski.

BIV koordiniert die Hilfsangebote von Firmen und Einzelpersonen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Denkmalpflegerin  und ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner beauftragt, sich um deutsche Hilfsangebote für die Kathedrale zu kümmern. Mit ihr steht der BIV in Kontakt. Aber es geht um mehr als ums Steinmetzhandwerk – zum Beispiel auch um deutsches Eichenholz und um Daten. Denn das Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg hat das Querhaus, das besonders unter dem Brand gelitten hat, im Rahmen eines Projekts zu gotischen Kirchenportalen von 2015 bis 2018 eingehend untersucht und mit 3D-Scantechniken vermessen.

Auch die Wissenschaftler plädieren dafür, Notre-Dame behutsam statt überstürzt zu sanieren. Kunsthistoriker Stephan Albrecht sagt in einem Arte-Interview, er halte zehn Jahre Restaurationszeit für sinnvoll. Andernfalls fürchte er um die historische Substanz. Denn schließlich dauerte der Bau einer der wichtigsten europäischen Kulturdenkmäler ursprünglich rund 200 Jahre.

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