Skulptur des Monats: Zeitstein

Stein Magazin

Dezember 2015: Der “Zeitstein” von Steinmetzmeister Sebastian Langner auf dem Ottensteinplatz in Wittlich

Naturstein lebt. Im Kreislauf des Lebens bilden sich unter der Erde immer neue Gesteinsschichten, die irgendwann wieder zu Tage treten. In kleinerem Rahmen verändert sich der Stein ganz einfach durch die Witterung. Die Zeit hinterlässt ihre Spuren – ein stetiger Wandel ist die Kontinuität. So wie der Stein sich wandelt, entwickelt sich unser Leben fortlaufend zu anderem hin. Vergangenheit und Zukunft treffen sich im kurzen Augenblick der Gegenwart. Die Zeitlichkeit des Menschen und seiner Kultur ist Thema unserer Skulptur des Monats Dezember 2015.

Der Steinmetz- und Bildhauermeister Sebastian Langner gestaltete in Wittlich ein Denkmal, das Zeit in Stein abbildet. Sein “Zeitstein” zeigt die Baugeschichte des Ortes, an dem er heute steht: des Ottensteinplatzes. Ab 1424 stand hier die nach ihrem Erbauer benannte Residenzburg Ottenstein. 350 Jahre prägte sie das Stadtbild, bis sie schließlich abgerissen und durch das Barockschloss Philippsfreude ersetzt wurde. Nach der Säkularisation diente das Schloss dann als Steinbruch. Heute ist nichts mehr übrig von Burgen und Schlössern – nun kann man im Einkaufszentrum von Wittlich seinen Samstag mit Shoppen verbringen.

Das Schöne am Denkmal sind seine ausgeklügelten Details: Der Zeitstein aus gebändertem Kyllsandstein aus Malberg mit einer Stufenanlage und Trennlagen aus Mendiger Basaltlava besteht aus sechs Teilen. Alle Teile sind durch eine säulenhafte Entasis mit Verjüngung nach oben hin und Kurvatur körperhaft gestaltet. “Die sechs Teile erläutern in Reliefs die Zeitabschnitte der Bebauungsgeschichte des Platzes”, erklärt Sebastian Langner. Links beginnt die Geschichte mit dem Urzustand mit Bäumen und Sträuchern, um über Burg Ottenstein und Schloss Philippsfreude zur Bahnunterführung mit einfahrendem Zug sowie zum heutigen Einkaufszentrum zu kommen. Der sechste Abschnitt bezieht sich auf das noch Kommende, die Zukunft. Die unterschiedlichen Steindicken verweisen auf die Zeitspanne, die die jeweilige Bebauung bestand. Zwar sind die zeitlichen Abschnitte durch Brüche getrennt, aber doch verbunden durch weitergeführte Formen im Relief.

“Links beginnt der Stein grob und rau – wie abgebrochen, da ich nicht die ganze Vergangenheit zeigen kann, rechts endet er glatt. Diese Stirnseite enthält den erläuternden Text mit Grundrissen”, beschreibt Langner seine Skulptur. Auf der Rückseite stellt der Künstler Geschichte anders dar. Ein Zeitstrahl von rechts nach links – passend zur Vorderseite – versucht, die einzelnen Epochen mit unterschiedlich großen und angeordneten Begriffen zu fassen. Der Blick richtet sich hier von heute zurück in die Vergangenheit. Die in Stein gehauenen Schlagworte verbinden die durch Basaltlava getrennten Teile bzw. Zeitabschnitte, da sie über mehrere Sandsteinsäulen laufen. So bestimmt beispielsweise der Begriff “Kultur” vier Epochen wesentlich.

In seiner Gesamtheit verweist der Zeitstein so gleichzeitig auf Trennendes und Verbindendes in unserer Geschichte. Verschiedene Dimensionen des kulturellen Daseins werden in die Darstellung aufgenommen. Und klar wird auch, dass Geschichte kein objektiv gültiger Verlauf von Ereignissen in der Zeit ist, sondern durchaus Interpretationen unterliegt, die vom jeweiligen Betrachter und seiner Zeit abhängen. Ähnlich der subjektiven Erinnerung, die uns selbst immer wieder selektieren, gewichten und vielleicht auch beschönigen lässt, ist auch die kollektive Erinnerung nicht nur von Fakten geprägt. Der Zeitstein reflektiert in Bild und Wort nicht nur die Bau- und Kulturgeschichte des Ortes, sondern auch die Art und Weise, wie diese Geschichte entsteht bzw. heute und zukünftig weiterwirkt.

Interessant ist auch, dass an der Stelle, an der gegenwärtig der Zeitstein steht, früher das Wittlicher Kreiskriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutschen Krieges von 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 stand. Heute befinden sich die Tafeln des Kriegerdenkmals auf dem Friedhof. Und erst 2015 wurde die 2010 gestaltete Skulptur an ihre bleibende Stelle auf dem Ottensteinplatz versetzt. So erzählt die Geschichte des Denkmals selbst (eine) Geschichte. Was die Zukunft angeht, hoffen wir aber auf die Beständigkeit des Zeitsteines, da er sehr gut verdeutlicht, was Zeit für uns bedeuten und wie Vergangenes Gegenwärtiges und Zukunftiges immer noch bestimmen kann – oder eben auch nicht mehr so stark.

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Der Steinmetz- und Bildhauermeister Sebastian Langner hat sich 2000 in Wittlich selbstständig gemacht. Foto: Hermann Hillebrand, Wittlich

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