Sprungschanze Gottes

Heutzutage werden nicht mehr häufig Kirchen errichtet, doch das ist nicht das einzig ungewöhnliche am expressionistisch anmutenden Neubau im Speckgürtel Münchens. Neben Keramikkacheln wurde auch lokale Nagelfluh verbaut. Den massiven Naturstein galt es für unterschiedliche Anforderungen im Innen- und Außenbereich zu wappnen.

Das städtebauliche und spirituelle Zentrum der Ortschaft Poing, eingebettet im angrenzenden Grün: Durch ein nachhaltiges ökologisches Oberflächenschutzkonzept wird die Natursteinfassade vor Graffiti und Verunreinigungen geschützt und ein Eintrag von Chemikalien in den Naturbereich verhindert. Foto: Rufus 64 / Wikicommons
Das städtebauliche und spirituelle Zentrum der Ortschaft Poing, eingebettet im angrenzenden Grün: Durch ein nachhaltiges ökologisches Oberflächenschutzkonzept wird die Natursteinfassade vor Graffiti und Verunreinigungen geschützt und ein Eintrag von Chemikalien in den Naturbereich verhindert. Foto: Rufus 64 / Wikicommons

Rupert Mayer war ein Jesuitenpater, der sich unter anderem als Teil des katholischen Widerstands in München gegen den Nationalsozialismus stellte und 1987 seliggesprochen wurde. Der Apostel Münchens, wie er auch genannt wird, ist der Patron des strahlend weißen und lichtdurchfluteten Kirchenneubaus, der zwischen 2015 und 2018 in der Gemeinde Poing, einem östlichen Vorort der Bayerischen Landeshauptstadt, errichtet wurde. Die besondere Form der Seliger-Pater-Rupert-Mayer-Kirche begeisterte nicht nur den Bund Deutscher Architekten, der das Gebäude mit einem der wichtigsten Architekturpreise Deutschlands, der Großen Nike, auszeichnete, sondern auch die lokale Bevölkerung. Während die Baumeister beim Entwurf des Solitärs – im Sinne eines frei stehenden Gebäudes, dass sich von den umgebenden Gebäuden gestalterisch abhebt – eine kristalline Form im Sinn hatten, fühlt sich die Gemeinde an Wintersport erinnert. Sie nennt ihre neue Kirche liebevoll „Sprungschanze Gottes“.

15.000 Keramikkacheln überziehen die 30 mal 30 Meter hohe polygonale Dachkonstruktion und lassen sie bei passendem Lichteinfall glänzen. Die 3-D-Keramikkacheln wurden nach einem Entwurf des Architekturbüros von der m&r Manufaktur aus Ransbach-Baumbach im Schlickerguss, einem Formgussverfahren aus der traditionellen Porzellanherstellung, von Hand gefertigt und glasiert. Als Kontrast zu den zierlichen Formen der Kacheln sind der massive Sockelbereich der Fassade sowie der Wandsockel und der Bodenbereich im Innenraum der Kirche komplett aus geschliffener Brannenburger Nagelfluh aus der oberbayerischen Schotterebene von der Grad Nagelfluhwerk GmbH & Co. KG.

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Nagelfluh ist ein Konglomeratgestein, das gerundete Gesteinsbruchstücke unterschiedlicher Herkunft enthält. Gesteinsfragmente aus den Zentralalpen wurden durch Gebirgsbäche in das Alpenvorland verschoben, lagerten sich dort ab und wurden durch den Überlagerungsdruck jüngerer Sedimente und mit aus dem Grundwasser ausgeschiedenen Kalk aufgefüllt und verfestigt. Durch den hohen Anteil an Bindemittel wirkt der Naturstein trotz unterschiedlicher Gesteinseinschlüsse im Gesamtbild homogen. Die Entstehungszeit ist auf das Pleistozän datierbar, die Nagelfluh ist damit ein eher junges Gestein. Typisch für ihr Erscheinungsbild sind die offenen und gut sichtbaren Poren. Die Brannenburgische Nagelfluh stammt aus einem Nagelfluh-Massiv in der gleichnamigen Region, dass sich während der Würmeiszeit bildete. Seit dem 10. Jahrhundert wird das Gestein dort abgebaut. In Süddeutschland sieht man Nagelfluh an vielen Bauwerken, Beispiele sind die Gebäudefront sowie die große Portalanlage der Ludwig-Maximilians-Universität München oder das Fundament der Münchener Frauenkirche sowie des Alten Technischen Rathauses Münchens. Seltener ist der Einsatz im Neubau, wie bei der Seliger-Pater-Rupert-Mayer-Kirche in Poing.

Ausdrucksvolle Natursteinverkleidung mit passgenauem Schutz

Das neun Zentimeter starke Vorschalmauerwerk aus massiver Nagelfluh sollte besonders gegen Graffiti, aber auch gegen weitere Umwelteinflüsse geschützt werden. Aufgrund der typischen Struktur des Natursteins ergibt sich eine unterschiedliche Saugfähigkeit für den Untergrund. Bei der Beseitigung von Schmutz und Farbe könnten an der ungeschützten Fassade Rückstände zurückbleiben.
Die Wahl fiel auf den prophylaktischen Oberflächen- und Graffitischutz PSS 20 der PSS Interservice GmbH. Das Schutzsystem entsprach den Vorgaben des Bauherrn, der Katholischen Kirchenstiftung St. Michael: Die optisch kaum sichtbare Beschichtung ist vollständig reversibel, und seine Formulierung auf Polysaccharid- und Kohlenhydratbasis – sprich Zucker und Kartoffelstärke – traf die Vorgaben zur Umweltfreundlichkeit. „Es ist ein rein pflanzliches Produkt ohne jeglichen chemischen Trägerstoff“, versichert Bernd Pfennig, zuständiger Fachberater von PSS Interservice für die Schutzbeschichtungsmaßnahmen am sakralen Objekt, „es wird deshalb auch gern vom Denkmalschutz eingesetzt.“ PSS 20 bildet einen hauchdünnen Film auf der Oberfläche der Nagelfluh und schützt gegen Graffiti, aber auch allgemeine Verschmutzungen wie Spritzwasser, Tausalze und Urin von Hunden. „Natursteine besitzen ein Kapillarsystem, durch die offenen Poren dringen Verunreinigungen leicht in den Stein ein und verändern die Oberfläche optisch. Die Porosität von Naturstein ist daher die eigentliche Ursache für Verschmutzungen, hier schaffen spezifische Oberflächenschutzsysteme Abhilfe“, erläutert der Experte. Die Natursteinfassade bleibt dennoch völlig offen für die Diffusion von Wasserdampf, die wenige eindringende Feuchtigkeit kann über die Dampfphase sofort wieder abgegeben werden.

Lesen Sie weiter in der STEIN 8/2019.