Kulturhalle-Tübingen

Blick in die Ausstellung „Begegnungen mit Ugge”. Stein war Ugge Bärtles liebstes Material. Foto: Ralf Ehmann

 

Zum 110. Geburtstag des Tübinger Bildhauers Eugen „Ugge“ Bärtle (1907–1990) widmet ihm der Künstlerbund Tübingen ab Freitag, den 8. September 2017 eine Ausstellung an drei Standorten in der Heimat des Künstlers. Sichtbar machen sollen die „Begegnungen mit Ugge“ seine lebenslange Leidenschaft für die Arbeit mit hartem und widerspenstigem Material wie dem Stein. 

Kulturhalle-Tübingen
Blick in die Ausstellung „Begegnungen mit Ugge“. Stein war Ugge Bärtles liebstes Material. Foto: Ralf Ehmann
Kulturhalle-Tübingen
In der Kulturhalle Tübingen befinden sich die großformatigen Bronze- und Steinskulpturen. Foto: Ralf Ehmann
Ralf-Ehmann-Zäzur
Künstler und Mitglieder des Künstlerbundes wie Ralf Ehmann reagieren auf die Werke Bärtles mit eigenen Arbeiten. Foto: Ralf Ehmann
Ugge-Baertle-Porträts
Der Mensch stand im Mittelpunkt Ugge Bärtles Schaffen. Foto: Ralf Ehmann
Skulpturengarten
Im Skulpturengarten des Ugge Bärtle-Haus sind vor allem die Steinarbeiten des Bildhauers zu sehen. Foto: Ralf Ehmann
Bronze Ugge Bärtle Portrait von Ralf Ehmann
Im Vordergrund eine Referenzarbeit von Künstler und Mitorganisator der Ausstellung Ralf Ehmann. Dahinter Ugge Bärtle als Gipsbüste. Foto: Ralf Ehmann
Travertin
„Stehende“ von Ralf Ehemann, Jurakalk, gegenüber den „Stehenden“ von Ugge Bärtle aus Gauinger Travertin. Foto: Ralf Ehmann
Skulptur-Ugge-Baertle
„Die Ganzkörperdarstellungen verkörpern selten eine konkrete Person, sie sind vielmehr anonyme Darstellungen.“ Dagmar Waizenegger, Kulturamt Tübingen. Foto: Ralf Ehmann
Reiterstandbild
Beliebtes Motiv von Ugge Bärtle: Die Reiterstandbilder. Foto: Ralf Ehmann
Plastik
Die Künstlerbund-Galerie beherbergt vor allem Grafiken und kleine Plastiken des Künstlers. Foto: Ulla Marquardt
Pferd Bärtle-low-res
Reiter und Pferd von Ugge Bärtle, Bronze. Foto: Ralf Ehmann
Wengerter
In der Tübinger Salzstadelgasse zu sehen: „Wengerter“ aus Muschelkalk. Foto: WikiCommons

Diorit für das Grobe, linke Hand für das Unperfekte

Bürger und Touristen im Tübinger Stadtraum begegnen dem Werk des Bildhauers und Künstlers Eugen „Ugge“ Bärtle täglich. Da wäre zum einen das Gôgen-Denkmal aus Muschelkalk mit dem Titel „Der Wengerter“ in der Salzstadelgasse. Die Skulptur zeigt einen Weingärtner, nach schwäbischer Mundart auch Gôg genannt, mit einem aus Weidenruten geflochtenen Wanderkorb auf dem Rücken. Zum anderen gibt es den Brunnen aus Travertin an der Eberhardskirche, eine der letzten öffentlichen Arbeiten des 1990 verstorbenen Künstlers.

Zu seinem 110. Geburtstag komprimiert der Künstlerbund Tübingen in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt und dem Ugge Bärtle-Haus die künstlerischen Begegnungen nun unter Dach an drei Ausstellungsorten: in der Kulturhalle, der Künstlerbund-Galerie und dem Ugge Bärtle-Haus, Elternhaus und einstiges Atelier des Bildhauers. Heute dient es als Museum mit dazugehörigem Skulpturengarten.

Zu sehen ist die gesamte Bandbreite seines Schaffens, die Auseinandersetzung mit verschiedensten Materialien, insbesondere Stein, in Form von Skulpturen. Aber auch Grafiken und Zeichnungen prägten sein Werk. Auffällig oft verarbeitete er das Sujet des Reiterstandbildes. „Dabei geht es ihm nicht um die Vermenschlichung von heroischen Reiterdarstellungen, vielmehr sind seine verschmolzenen Wesen aus Mensch und Pferd Ausdruck von Spannung und Kraft, von geöffnetem und umschlossenem Raum, von Zeitlosigkeit und natürlicher Schönheit“, beschreibt Dagmar Waizenegger, Tübinger Kulturamtsleiterin, jene Werke.

Ugge Bärtle, geboren im Jahr 1907, absolvierte eine klassische Steinmetz- und Bildhauerlehre in Tübingen, bevor er an der Akademie der bildenden Künste in München ein Studium der Bildhauerei begann. Während des Zweiten Weltkrieges diente er als Soldat in Frankreich und geriet in Kriegsgefangenschaft. 1949 kehrte er schließlich mit Frau und Kindern nach Tübingen zurück und widmete sich ganz der Kunst. Mehrere Studienreisen ins Ausland schärften sein Künstlerprofil und erweiterten sein kreatives Schaffen. Zu den Merkmalen seiner Arbeit zählen vor allem das Sperrige, Unperfekte. Widerstand war sein Motto, die Verarbeitung heimischen und harten Gesteins sein Vorlieben. So wählte er zum Beispiel den Diorit oder zeichnete auch mal gern mit der linken Hand, weil das Ergebnis spröde und fragmentarisch war. „Holprig und mit Aussage ist mir lieber als perfekt ohne Aussage“, so sein Statement.

Neben Arbeiten des Künstlers sind auch einige Arbeiten der Mitglieder des Künstlerbundes Tübingen zu sehen, unter anderem von Ralf Ehmann, selbst Bildhauer und erster Vorsitzender des Vereins. „Jeder teilnehmende Künstler hat sich vorab ein Werk Bärtles ausgesucht und darauf mit einem eigenen Werk reagiert. Das sind sowohl materielle als auch thematische Referenzen, die wir in der Ausstellung präsentieren“, erklärt Ehmann.

Die Ausstellung wird begleitet von Vorträgen, Führungen und Lesungen. Ein Film über das Leben und die Arbeit Ugge Bärtles schließt zur Finissage am 7. Oktober die Ausstellung ab.

„Begegnungen mit Ugge“ an drei Orten in Tübingen: in der Kulturhalle, der Künstlerbund-Galerie und im Ugge-Bärtle-Haus
8.09.–7.10.2017
Mittwoch bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr
Eintritt frei 

Über den Veranstalter

Der Künstlerbund Tübingen wurde 1971 gegründet. Zurzeit zählt der Verein 56 Mitglieder, vorwiegend Künstlerinnen und Künstler aus der Tübinger Region. Er gilt als fester Bestandteil des städtischen Kulturlebens. In der eigenen Galerie „Galerie Künstlerbund“ finden ganzjährig Einzel- und Gruppenausstellungen statt, zudem eine Jahresausstellung in Zusammenarbeit mit der Stadt Tübingen. 

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Ein Osteopath, der das Bildhauen liebt

Stein Magazin

 

Auf der Vernissage des Weiterbildungskurses „Steinbildhauen und dreidimensionales Gestalten“ der Scuola di Scultura präsentierten die Schweizer Bildhauer Peter Bachmann und Stefan Kistler ihre Abschlussprojekte „Betroffenheit – Gefühlt – Geformt“ und „Durchblick“ in Cevio im Tessin. STEIN sprach mit den beiden über ihre Skulpturen, ihre Ambitionen und ihre Gedanken über das künstlerisch-kreative Arbeiten mit Stein. In diesem Gespräch: Peter Bachmann. Der Lebenslauf des 58-Jährigen lässt Staunen, vereint er doch zwei Berufszweige, die vermeintlich wenig miteinander zu tun haben. Als Osteopath arbeitet Bachmann einerseits in seiner eigenen Praxis. Zum anderen ist da noch die Leidenschaft des Steinbildhauens.  

Scuola-di-Scultura
Die Absolventen Peter Bachmann (li.) und Stefan Kistler (Mitte) mit Schulleiterin Almute Großmann-Naef während der Vernissage. Foto: Scuola di Scultura
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„Betroffenheit – Gefühlt – Geformt“ von Peter Bachmann. Foto: Peter Bachmann
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Mit der Skulpturengruppe verweist Bachmann auf die Flüchtlingsthematik. Foto: Peter Bachmann
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Detail der Betongruppe. Foto: Peter Bachmann
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Vernissage in Cevio im Tessin. Foto: Peter Bachmann
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Bachmann stellt Familien- und Einzelschicksale ins Zentrum seiner Arbeit und formt aus einem Kollektiv Individuen. Foto: Peter Bachmann
Flüchtlinge
„Empathie ist der Kern der Menschlichkeit. Diesen Kern möchte ich durch meine Installation spürbar machen“, erklärt Bachmann. Foto: Peter Bachmann

STEIN: Sie haben sich zunächst als Physiotherapeut und schließlich zum Osteopath ausbilden lassen, seit 2003 besitzen sie eine eigene Praxis. Nun haben Sie an einer Weiterbildung zum Steinbildhauen teilgenommen. Wie lassen sich diese beiden Leidenschaften vereinen? 
Peter Bachmann: Mir ist bewusst geworden, dass ich in der künstlerischen Umsetzung von den Therapien am Patienten und der räumlichen anatomischen Vorstellung viel profitieren kann. Lehrer an der Scuola di Scultura haben mir bestätigt, dass Körpertherapeuten oft plastischer und lebendiger modellieren und zeichnen. Des Weiteren liefern mir die Empfindungen meiner Patienten viele kreative Impulse.

Die Bildhauerei zum Hauptberuf zu machen konnten Sie sich aber nicht vorstellen?
Meine Leidenschaft als Osteopath hält sich etwa die Balance mit der Bildhauerei. In den letzten Jahren habe ich meine kreative Seite immer mehr in meinen Alltag integriert und ausgeweitet. Ich bin als Osteopath inzwischen etabliert und habe ein gut funktionierendes Netzwerk. Als Kunstschaffender muss ich mir das zuerst erarbeiten, was mit 58 Jahren nicht leicht ist. Finde ich einen Nischenmarkt, werde ich die Bildhauerei weiter ausbauen.

Warum hatten Sie sich zu einer Teilnahme an der Weiterbildung entschlossen? 
Im Holz- und Steinbildhauen hatte ich vor allem autodidaktische Erfahrung. Dadurch bleiben immer Lücken gegenüber vollberuflichen Kunstschaffenden, die eine breitere Erfahrung haben. Ich wollte mich unbedingt bei professionellen Lehrern weiterbilden und ein breit abgestütztes Angebot nutzen, um meine Sensitivität für die Materialien zu entwickeln und die technischen Fertigkeiten zu verbessern.

Viele Ihrer Arbeiten zeigen Menschen. Ihre Gesichtszüge sind sehr detailliert und filigran ausgearbeitet. Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass sie „so lange an einer Skulptur arbeiten, bis sich ein Teil dieser Kraft in der Skulptur angesammelt hat.” Würden Sie sich als Perfektionisten bezeichnen? 
Ja, in dieser Hinsicht schon. Ich ringe zum Teil sehr lange, bis für mich die Deckung mit meinen Gefühlen und inneren Bildern erreicht ist.

Ihr Abschlussprojekt ist ein Betonguss, der Gruppen von Menschen zeigt. Manche von ihnen tragen Kinder in den Armen oder auf dem Rücken, andere sehen sich suchend um, stehen eng zusammengepfercht da. Einzelne Schicksals- und Familiengemeinschaften sind reliefartig zusammengefasst. Eine Prozessanalyse der Flüchtlingsthematik mit dem Titel „Betroffenheit Gefühlt Geformt.“ Warum wurde es Beton und keine Steinskulptur? 
Beton enthält vor allem Sand. Im Buch „Masse und Macht“ schreibt Elias Canetti über die Massensymbole. Dazu gehören zum Beispiel Sand, Korn oder der Regen. In meiner Arbeit geht es um die Gegensätze von Masse und Individuum. Der Sand im Beton trägt die Symbolik der Masse in sich. Alle 28 Gruppen wiegen etwa 1,3 Tonnen. Die vielen Asylsuchenden wiegen in ihrer Bedeutung ebenfalls schwer. Auch hier unterstützt das hohe Gewicht des Materials die Symbolik. Niemand ist nicht betroffen von den Flüchtlingsströmen. Wir sollten bemüht sein, nicht nur „die Asylsuchenden“ wahrzunehmen, sondern sie auch als einzelne Individuen kennenzulernen. Durch die figürliche Darstellung treten sie aus der Masse.

Machen wir nun eine kleine theoretische Prozessanalyse Ihres Schaffens: Wie entstand das Abschlussprojekt des Kurses? 
Am Beginn meiner Arbeit steht eine innere Unruhe, Betroffenheit und Empörung. Die Betroffenheit wird immer stärker und zum kreativen Impuls. Sie ist der Ursprung einer Kraft, die mich zur Umsetzung drängt. Sie steigt auf aus den Zellen meines Körpers und produziert Bilder in meinem Kopf. Ich verspürte den Wunsch, die vielen Bilder von geflüchteten Menschen, die man immer nur zwei bis fünf Sekunden im Fernsehen sah, anzuhalten und sie dreidimensional zu gestalten, damit Raum und Zeit entsteht zu reflektieren, das Irrationale „begreifbar“ zu machen. Einerseits während des Entstehens und andererseits als Skulpturenraum.

Sie arbeiten aber nicht nur mit Beton, sondern auch mit Stein. Wie empfinden Sie das Material? 
Ich arbeite vor allem mit weicheren Steinen wie Marmor, Travertin oder Alabaster. Im Stein kommt es zu einer Verlangsamung des Arbeitsprozesses. Durch den größeren Widerstand beim Bearbeiten löst er in mir andere Prozesse aus. Die Urkräfte der Hitze und des Drucks im Erdinneren haben zum Beispiel beim Marmor zu einer Metamorphose geführt. Diese inhärenten Urkräfte, das große Gewicht und die Beständigkeit von Stein führen mich oft zu Urformen.

Mit der Vernissage Ende September haben Sie den Weiterbildungskurs nun beendet. Welche Eindrücke nehmen Sie mit?
Die Vernissage hat mir gezeigt, dass das Thema immer noch sehr aktuell ist und dass viele durch die Begegnung mit der Installation emotional tief berührt waren.

Und was nehmen Sie aus dem Kurs für sich mit? 
Der Kurs war etwas vom Besten, was mir passiert ist. Jedes Modul, sei es Zeichnen, Modellieren, Bildhauen oder Theorieseminare haben sich auf mein Sehen, Spüren und Fühlen des zu bearbeitenden Materials ausgewirkt. Der direkte Unterricht von hervorragenden Lehrern der Scuola di Scultura hat mich sicherer in meiner technischen Ausführung gemacht und meine künstlerischen Möglichkeiten deutlich erweitert.

Planen Sie noch weitere Weiterbildungskurse? 
Da bei mir oft der Mensch im Mittelpunkt meiner Arbeit steht, sind für mich alle Kurse, in denen Modelle gezeichnet oder modelliert werden können, interessant und basal. Ich gehe gerne zurück zu den Wurzeln, um Energie zu tanken. Deshalb wird man mich noch oft im schönen Maggiatal und der Scuola di Scultura arbeiten sehen.

Das Interview führte Carolin Werthmann.

Zum Interview mit Stefan Kistler, ebenfalls Absolvent derselben Weiterbildung, geht es hier.  

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