Ein letzter Schlag zum Abschied

Stein Magazin

 

Nach drei Jahren Ausbildung wartet auf Auszubildende des Steinmetzhandwerks in Wunsiedel traditionsgemäß die Freisprechungsfeier. Seit dem Mittelalter wird die Ausbildungszeit eines Handwerkers mit einem feierlichen Abschluss beendet. Im Vergleich zu damals verzichtet man heute jedoch darauf, seine Azubis mit Bier zu überschütten. 

1_Wundsiedel_Freisprechung
Ende Juli 2017 feierten die jungen Steinmetzlehrlinge in Wunsiedel den Abschluss ihrer dreijährigen Ausbildung. (Foto: Europäisches Fortbildungszentrum Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk)
2_Wundsiedel_Lehrling_Hiebe
Ein Lehrling beim Schlagen von einem kräftigen und zwei schnellen Hieben. (Foto: Europäisches Fortbildungszentrum Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk)
3_Wundsiedel_nach Freisprechung
Ein Lehrling nach dem Freischlagen auf der Abschlussfeier. (Foto: Europäisches Fortbildungszentrum Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk)
4_Wunsiedel_Zunftlied
Die Lehrlinge beim Singen des Zunftliedes. (Foto: Europäisches FortbildungszentrumKompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk)

Abschlussfeier mit Tradition

Zwei Gesellen der Dombauhütte Regensburg tragen die historische Fahne der Steinmetzinnung Regensburg und führen den Zug an Lehrlingen in die Werkstatt. Die Ausbildungsmeister folgen mit der Zunftlade. Darin liegen die Werkzeuge der Steinmetze. In der Ausbildungshalle erwartet sie der Leiter des Europäischen Fortbildungszentrums und Zeremonienmeister Erwin Hornauer. „Sind die Lehrlinge zur Zufriedenheit ausgebildet worden?“, fragt er den Lehrmeister Jürgen Richter. Dieser nickt, bejaht. Jeder Lehrling erhält einen Schlag mit dem Richtscheit vom Obermeister der örtlichen Steinmetzinnung, die symbolisch letzte Züchtigung des Meisters und damit Abschied von der Lehrzeit.

Solche Szenen bei der traditionellen Freisprechungsfeier am Europäischen Fortbildungszentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk erscheinen wesentlich zivilisierter als jene, die sich in mittelalterlichen Zeiten abgespielt haben sollen: Da wurde nicht selten geprügelt, geohrfeigt und manchmal die Gesellen mit Bier überschüttet. Nach drei Jahren Lehre und Prüfung werden die Auszubildenden heute zwar immer noch gebührend verabschiedet und Wunsiedel hält an einer traditionellen Feierlichkeit fest, allerdings weniger derb. So zuletzt Ende Juli diesen Jahres, als 32 Lehrlinge des Steinmetzhandwerks ihre Ausbildungszeit beendeten.

An einem Steinblock müssen die frisch gebackenen Gesellen ihre ersten Schläge mit Hammer und Meißel ausführen: Zwei leichte schnelle Schläge, die für Eifer bei der Arbeit stehen, und einen kräftigen Schlag, der Bedächtigkeit symbolisiert. Die Zeremonie endet mit der Zeugnisübergabe und einem Festessen, begleitet mit viel Musik – selbstredend von regionalen Musikanten und ihren Jagdhörnern.

„Dauerhaft Erfolg im Beruf hat nur jemand, der ständig dazulernt“, betont der Leiter des Fortbildungszentrums Erwin Hornauer. „Im Steinzentrum Wunsiedel gibt es ein bedarfsorientiertes Bildungsangebot für unser Handwerk und wir freuen uns über jeden Kursteilnehmer.“

Das Europäische Fortbildungszentrum ist in jüngster Zeit zu einem Kompetenzzentrum für das Steinmetz- und Steinbildhauerwerk erweitert worden. Die Einweihung des Neubaus soll noch 2017 stattfinden. Erweitert wird das Bildungsangebot um die Schwerpunkte Gestaltung und moderne CNC-Technik.

Könnte dich auch interessieren

Scuola di Scultura öffnet wieder

Stein Magazin
etwa Bildhauen für Fortgeschrittene und Gipsmodelle. Foto: Scuola di Scultura

Am Fuße des Marmorbergs im Tessiner Peccia geht’s wieder los. In Sommer-Kursen wie figürliches Modellieren und Bildhauen für Fortgeschrittene sind Plätze frei.

Im Mai startete die Scuola di Scultura ein Crowdfunding. Denn wegen Corona konnte sie monatelang lang weder Kurse anbieten noch Gäste empfangen. Das angestrebte Fundingziel von 50.000 CHF wurde weit übertroffen. Insgesamt kamen 93.724 CHF zusammen. Seit Anfang Juni gibt die Schule nun wieder Kurse.

In verschiedenen Kursen sind Plätze frei:

Figürliches Modellieren und Gipsabguss

vom 28. Juni bis 3. Juni 2020
Unter der Leitung von  Thomas Hunziker modellieren die Teilnehmenden einen weiblichen Akt in Ton. Sie arbeiten an drei Tagen an dem Modell gearbeitet. Die Figur wird dann mit Gips abgeformt und kann in Gips oder Zement gegossen werden.



Steinbildhauen für Fortgeschrittene – Resculpting
vom 19. bis 31. Juli
Alle Teilnehmenden bringen eine Fotografie, Zeichnung oder ein Video eines plastischen Werks mit. Unter Anleitung von Kursleiter Roland Hotz meißeln sie die persönliche, soweit wie möglich von Hand, als „Taille-Direct“ in ein Stück Peccia-Marmor.

Gips direkt
vom 2. bis 7. August 2020
In dieser Kurswoche leitet Hansulrich Beer  die Teilnehmenden an, direkt mit Gips Modelle zu gestalten, die später in Stein oder Holz umgesetzt werden können.

Steinbildhauen für Fortgeschrittene – Drehung

vom 16. bis 28. August 2020
In diesen beiden Kurswochen steht das Thema “Drehung” im Fokus. Kursleiter Hans-Peter Profunser leitet die Teilnehmenden an, ihre individuelle Formensprache zu entwickeln und herauszuarbeiten.



Alle Kurse sowie die Anmeldungsformulare finden sich auf der Seite der Schule.

Holz und Stein Hand in Hand

Stein Magazin

Jury hat gewählt

Wer im Münchner Großstadttrubel derzeit Entspannung sucht, ist im ruhigen Innenhof des Künstlerhauses am Lenbachplatz genau richtig: Dort sind unter dem Motto „Holz und Stein im Einklang“ noch bis zum 24. November 2017 zehn Stelenskulpturen und elf Steinobjekte ausgestellt.

Entstanden sind sie im Rahmen der Ausbildung an der Münchner Fachschule für Steintechnik und Meisterschule für Holzbildhauerwerk, die jedes Jahr einen Wettbewerb unter den Schülern ausruft. Neu in diesem Jahr: Holzbildhauer und Steinmetze sollten Hand in Hand arbeiten, und das im wörtlichen Sinne. Ein dreidimensionales Objekt als 230 Zentimeter hohe Stelenskulptur war das Ziel, welches aus mindestens zwei zusammengesetzten Teilen aus den Materialien Holz und Stein bestehen sollte. Beide Materialien sollen sich dabei gegenseitig sowohl formal als auch inhaltlich bedingen, was die Materialwahl, die Oberflächenbearbeitung und das Gesamtbild als schlüssige Einheit angeht.

Die Jury, die aus Mitgliedern der Schule, der Danner-Stiftung, des Diözesanmuseums Freising, der Glyptothek, des Künstlerhauses am Lenbachplatz, Bayerische Nationalmuseums und der Galerie Handwerk HWK für München und Oberbayern bestand, hat insgesamt drei Werke prämiert. Die Wettbewerbe des Kooperationsprojekts der Meisterschule des Holzbildhauerhandwerks und des zweiten Jahrgangs der Fachschule für Steintechnik gewannen zwei Gruppen: Quirin A. Herzinger und Florian Ludwig mit ihrem Werk „Metamorphose Kastanienblatt“ sowie Carolin Hinterseer und Clemens Glaß mit der Skulptur „Lebensfluss“.

„Die Symbiose aus Stein und Holz sieht man hier besonders gut. Der Stein ohne das Holz wäre zu wenig, genauso wie andersrum. Im Gegenteil: Die Weiche des Holzes ergänzt sich wunderbar mit der Härte des Steins“, meint der Gestaltungslehrer an der Fachschule Hartmut Hintner zum Werk „Lebensfluss“.

image7
Der Innenhof des Münchner Künstlerhauses zeigt derzeit Arbeiten von Schülern der Fachschule für Steintechnik und Meisterschule für das Holzbildhauerwerk. Foto: Friederike Voigt
image5
Die Arbeiten entstanden im Rahmen eines von der Danner-Stiftung geförderten Wettbewerbs. Foto: Friederike Voigt
Bild-1
Einer der Gewinner: „G‘ Foitat“ von Maximilian Taube. Foto: Friederike Voigt
image2
Detail: Die horizontalen Linien wurden mit Hand angefertigt. Vorlage für das Objekt war eine Papiertüte. Foto: Friederike Voigt
Bild 3
„Lebensfluss“ von Carolin Hinterseer und Clemens Glaß ist ebenfalls prämiert worden. Foto: Friederike Voigt
image9
Detail: Tulpenbauholz und Stein San Sebastian sollen die Natur und das Leben darstellen. Foto: Friederike Voigt

Aus Papier werde Stein

An der Fachschule für Steintechnik ging der Preis im ersten Jahrgangs an Maximilian Taube für seine Arbeit „G ‘ Foitat“. „Vorbild für diese Arbeit war eine gefaltete Papiertüte, die Maximilian dann in Naturstein übertragen hat. So wurde aus etwas Vergänglichem etwas Massives“, so Hintner.

Ein Ausstellungswerk ist bereits verkauft. Die Erlöse gehen zu einem kleinen Teil an die Schule, den Rest bekommt der Schüler. Dieser muss das Werk bei Verkauf allerdings noch einmal für die Schule anfertigen. „Schließlich wollen wir die Ausstellungswerke als Ensemble behalten“, begründet Hintner.

Der kommende Wettbewerb läuft bereits. Die Steinmetzen sowie Holzbildhauer der Schule sind angehalten, eine Krippe aus Naturstein zu gestalten. Auftraggeber ist diesmal das Diözesanmuseum Freising, das ein paar Krippen aufkaufen will. Ab 18. Dezember 2017 werden die Werke in der Karmeliterkirche in München für vier Wochen zu sehen sein.

Über den von der Danner-Stiftung geförderten Wettbewerb lesen Sie einen ausführlichen Bericht in STEIN 3/2017.