Versteinerter Ausdruck

In Zeiten von Social Distancing kann es schon mal vorkommen, dass man beginnt, in Gegenständen menschliche Gesichter zu sehen. So wie man einst in Wolken Tiere hineinlas, liest man nun die Schrauben eines Kleiderhakens als Augen und den Haken als Nase, oder die Einkerbungen eines Dosendeckels scheinen plötzlich wie ein Clownsgesicht zu grinsen. Das geht natürlich auch mit Steinen, sei es bei Marmorwölkungen oder Einschlüssen in Sandstein. Das scheint kein Merkmal von Wahnsinn zu sein, sondern eine recht menschliche Eigenschaft. Denn ganz ohne Isolation erging es dem Japaner Shozo Hayama schon vor über 50 Jahren ganz ähnlich.

Damals bekam er einen etwa tellergroßen Stein mit drei weißen Muscheleinschließungen geschenkt, die ein maskenhaftes Gesicht zu formen schienen. Er behielt die Skurrilität, begann, aktiv nach weiteren Steinen mit Gesicht zu suchen und wurde am nahegelegenen Arakawa Fluss fündig. 1990 hatte er so viele davon gesammelt, dass er ein eigenes Museum in seiner Heimatstadt Chichibu, etwa zwei Stunden nordwestlich von Tokyo, eröffnete: das „Chinsekikan“, was so viel wie „Saal der kuriosen Steine“ bedeutet.

Alle Exponate müssen zwei Kriterien erfüllen. Die Steine müssen ein Gesicht haben und dürfen nicht bearbeitet sein, müssen also von der Natur so geformt worden sein. Mittlerweile fasst das Museum über 1.700 Exponate und beherbergt einen ganzen Chor aus fromm geformten Sängergesichtern, grimmig dreinblickende Grummelvisagen und Steine mit erstaunten oder erschrockenen Mienen. Ganz und gar nicht versteinert scheinen diese Gesichter, in Zeiten von Emojis ist es ein Leichtes, alle Emotionen direkt zu entschlüsseln. Selbst ein mit Ablagerung versehener Stein, der zu weinen scheint, ist dabei. Ebenso blicken Seeräuber mit Augenklappen aus eingeschlossenen Muscheln aus den Vitrinen, Totenköpfe und ein Kugelfisch. Aber auch Figuren aus der Popkultur sind versammelt, etwa Elvis mit Schmalzlocke und ET der Außerirdische mit großen Glupschaugen.

Hayama ist mittlerweile verstorben, doch das Museum hat sich als solcher Touristenmagnet erwiesen, dass seine Tochter Yoshiko es weiterführt. Neue Steine werden teilweise ohne Beschriftung ausgestellt und die Besucher aufgefordert, passende Namen zu finden. Denn die Sammlung nimmt kein Ende – Yoshiko Hayama erzählt in Interviews immer wieder, dass sie mittlerweile auch Steine zugeschickt bekommt und gar nicht alle gleichzeitig ausstellen kann.