VERTIKALSCHACH

In der Architekturgeschichte des Mittelalters im nordosteuropäischen Raum sind an spätromanischen Feldsteinkirchen vereinzelt eigenwillig schachbrettartig bearbeitete Ecksteine im Sichtbereich zu bemerken, meist zwischen 40 und 300 cm Höhe, an denen aber meist nur eine Fläche gestaltet ist. Wir zeigen Beispiele aus Brandenburg.

Dobberzin, Uckermark
Dobberzin, Uckermark (Foto: Boris Frohberg)
Hönow, Märkisch-Oderland
Hönow, Märkisch-Oderland (Foto: Boris Frohberg)

Das bislang bekannte Verbreitungsgebiet der Schachbrettsteine an Klerikalbauten dieser Zeit erstreckt sich von Sachsen im Süden, bis Bornholm und Jütland im Norden und von Branden- burg im Westen bis in die Neumark im Osten, wobei die Niederlausitz, die Mark Brandenburg und die Uckermark als Zentren anzusehen sind – beides ehemals slawische Gebiete. Das südliche Vorkommen zeigt weitgehend gleichmäßig große Exemplare, das nördliche dagegen unterschiedliche Dimensionierungen. Da das Schachspiel erst ab dem 11. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum nachgewiesen ist, könnte hier ein Zusammenhang bestehen. Inwieweit das biblische Symbol des Ecksteins eine Rolle gespielt hat, lässt sich nicht sagen. Es gibt eine ganze Reihe von Spekulationen zur Bedeutung dieser Steinarbeiten.

Möglicherweise stehen sie als Symbol für die Überwindung der vorchristlichen slawischen Riten bzw. Religionen durch die Christianisierung und beziehen überkommene Symbole bewusst in die neuen Kirchenbauten mit ein. Schwarz stünde für Tod und weiß für Leben, ein Sinnbild für Ende und Anfang. Wikipedia nennt noch das Wappen der Askanier, die diese Gebiete in der betreffenden Zeit teilweise in Besitz nahmen und dann beherrschten. Die Steine könnten auch für die Zisterzienser stehen, die das Land christianisierten und etliche Klöster errichteten. Eine Verewigung von Pilgern, die ins Heilige Land reisten, scheint im teils gegebenen Bezug zum Jerusalemstein naheliegend. Auch eine Kennzeichnung im Sinne von Wegmarken der Fürsten auf ihren Reisen ist denkbar, es kann sich aber auch um Zunftzeichen der Maurer, Zimmerleute und Steinmetze handeln. Eine Legende hingegen sagt, der Teufel habe dabei die Hand im (Schach-)Spiel gehabt. Weil er gegen den Herrn Jesus Christus verloren habe, bekam das Schachbrett einen Ehrenplatz. Diese Herleitung ist in zweierlei Hinsicht eigenwillig, denn erstens ist das Schachspiel wohl nach dem dritten Jahrhundert in Zentralasien entstanden, zweitens erfuhr es im Mittelalter kirchliche Missbilligung.

Bei Streiflicht gut zu erkennen

Dorfkirche Grunow, von Nordwesten, Märkisch-Oderland
Dorfkirche Grunow, von Nordwesten, Märkisch-Oderland (Foto: Boris Frohberg)
Dorfkirche Grunow, Eckbereich, Nordwest, Märkisch-Oderland
Dorfkirche Grunow, Eckbereich, Nordwest, Märkisch-Oderland (Foto: Boris Frohberg)

Die Schachbrettsteine zeigen gestockte oder gespitzte Ornamentierungen in Form von Schachbrettmustern aus sechs mal vier bis zu zehn mal sechs quadratischen Feldern. Sie lassen sich bei Streiflicht gut, bei Auflicht schlecht erkennen, da ihr Kontrast lediglich im dünnen (0,5–2 mm) Abtrag der Oberfläche besteht. Das Baumaterial, die sogenannten Feldsteine, sind mal größer und mal kleiner. Sie wurden durch die verschiedenen Eiszeiten von Skandinavien aus kostenlos – quasi als blinde Passagiere – in die norddeutschen Breiten befördert und blieben dort beim Rückzug des Eises liegen. Auf den später landwirtschaftlich genutzten Flächen waren sie hinderlich, in den Wäldern dagegen weniger. So wurden diese Findlinge zu Feldsteinen: Da es in den Flachlandschaften an geeignetem Baumaterial fehlte, boten sich diese harten „Importe“ für den Bau von Verkehrswegen (sogenanntes Kopfsteinpflaster) und dauerhaften Gebäude an. Es waren zuerst die Straßen und Plätze, die das typische mittelalterliche Bild prägten. Bei den Baumaterialien dort handelt es sich meistens um Granite, Gneise und Quarzite. Die Findlinge wurden zeitweise sogar im Tagebauverfahren abgebaut, sagt der Geologe Michael Krempler. Die weicheren Natursteine sind in den betreffenden Gebieten bis auf Raseneisenstein, der als Einziger dort natürlich vorkommt, nicht aufzufinden – und Ziegel waren sehr teuer. Für den Bau gerader Mauern mussten die meist ovalen Natursteine aufwendig per Hand mithilfe von Holzkeilen und Wasser gespalten werden, um quadratische und rechteckige Blöcke herzustellen und zusätzlich steinmetzmäßig bearbeitet werden. Hierzu hatte sich im Mittelalter ein spezialisierter Berufsstand entwickelt.

Die gemusterten Steine kommen nur an Dorfkirchengebäuden des 13. Jahrhunderts vor, im Verband mit dem regelmäßigen Quadermauerwerk, das von selbst oft eine wohl zufällige schachbrettartige Ornamentierung aufweist. Bei den bekannten Deutungen kommt dieses Phänomen erst gar nicht vor. In den meisten Fällen wurde ein Stein, seltener auch zwei und vereinzelt bis zu sieben Exemplare (Grunow, Mark Brandenburg) versetzt – bevorzugt an Eckbereichen der Süd- und Nordwand. Eine farbliche Auslegung der vertieften Ornamentierung der Flachreliefs ist bis- lang nicht bekannt bzw. durch restauratorische Untersuchun- gen nachweisbar. Dagegen stehen sie allerdings nachweislich im Kontext von grafischen und polychromen Fassadengestaltungen, welche meist ebenfalls die Schachbrettornamentik aufgreifen und durch plastische Friese (Zacken- und Würfelfries), Ornamente (Damebrett, Jerusalemkreuze, Radkreuze, Rhomben) sowie pflanzliche, tierische und menschliche Darstellungen bereichert werden. Diesbezügliche Architektur- und Wandgestaltungen sind in weiten Bereichen Europas bekannt, etwa Italien, dem Balkan, Ungarn, Böhmen, Österreich, Schweiz, Skandinavien und im Baltikum. Das Muster taucht auch in vielen Wappen auf.

Friedersdorf, Südportal, Märkisch-Oderland
Friedersdorf, Südportal, Märkisch-Oderland (Foto: Boris Frohberg)
Schmargendorf, Uckermark, Eckbereich
Schmargendorf, Uckermark, Eckbereich (Foto: Boris Frohberg)

An den Dorfkirchen mit Schachbrettsteinen sind diese Putz- und Farbgestaltungen überwiegend verloren gegan- gen. Umso bedeutender sind daher Befunde aus den Dörfern Dobberzin/Uckermark, Königsberg/Prignitz und Bülow/Mecklenburg. Bei Letzterem haben sich Reste einer mittelalterlichen Fassadengestaltung im Kontext zum Schachbrettstein unter einem später errichteten und inzwischen abgebrochenen Vorbau erhalten. Auf der Wandfläche werden relativ große Werksteine imitiert. Die ältere Schicht zeigt abwechselnd horizontale Reihen mit durchgehend roten und weißen Quadern mit einem etwa mittig angeordneten, symbolartigen, bislang nicht identifizierten Ornament. Die Bogengestaltung der Priesterpforte weist hingegen einen Wechsel von roten und weißen „Steinen“ auf, die Westpforte eine Wickelbandornamentik. Die jüngere mittelalterliche Gestaltung besitzt den schachbrettartigen Wechsel der imitierten Steine, im Bezug zum eckseitig verbauten und jeweils sichtigen Schachbrettstein. Die Wirkung als Landmarke auf einer Anhöhe über dem See wird beeindruckend und weithin sichtbar gewesen sein. Eventuell hat man damals auch Vertikalschach gespielt.

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