Zeitgemäße Grabmale

Stein Magazin

Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr der Umgang der Menschen mit dem Tod. Das ist zwar eine Platitude – Gesellschaften verändern sich nun mal und damit auch die Einstellungen zu den Belangen des Lebens. Doch in der Wahl der Bestattungsart ist diese Veränderung für Steinmetze seit Jahren unmittelbar spürbar. Anders als noch vor wenigen Jahren, ist heute die Feuerbestattung die Regel und hat die Erdbestattung als vorherrschende Bestattungsart abgelöst. Dazu eine Zahl: 1990 betrug der Kremationsanteil in Frankfurt am Main rund 30 Prozent, 2014 waren es 70 Prozent, zitiert das Magazin Bestattungskultur im Sommer den Leiter des Frankfurter Grünflächenamtes, Stephan Heldmann.

Mit dieser Entwicklung einhergehend verändern sich die Friedhöfe. Und das nicht unbedingt überall zum Vorteil. Unschöne Leere, wo einst Erdgräber gedacht, bedrückende Enge bei den Urnenwahlgräbern, nicht immer schöne Kolumbarien und irgendwo dazwischen die Fläche für die anonyme Beisetzung. Angesichts des Bildes, das viele Friedhöfe heute abgeben, wundert es nicht, dass mancher Zeitgenosse sich eher unter einen Baum oder ins All wünscht. Dass Monopol und Bedeutung des Friedhofs schwinden. Obwohl er die Sehnsüchte und die Trauer der Menschen nach wie vor auffangen könnte.

Traditionelle Grabmale bleiben

Nach neuesten Erkenntnissen scheint aber dieser Trend zur anonymen Bestattung abzuflauen: Das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur gab an der Ruhr Universität Bochum eine bundesweite Studie in Auftrag, deren Ergebnisse Anfang 2016 in Buchform veröffentlicht werden. Oliver Wirthmann erklärt die Beweggründe: „Verlässliche Zahlen über die tatsächlichen Bestattungspräferenzen in den unterschiedlichen sozialen Milieus gab es bislang nicht.“ Studienleiter und Soziologe Dr. Frank Thieme befragte 3000 Bestattungsunternehmen und wertete 1376 Fragebögen aus. Erhoben wurden in der umfassenden, allerdings nicht repräsentativen Studie unter anderem die gewählte Grabesart für die Verstorbenen und die Kosten der Bestattung. Abgeglichen wurden die Anschriften der Bestatteten mit den Daten des Heidelberger Sinus-Instituts, das schon in den 1980er Jahren ermittelte, dass jeder Mensch einem bestimmten Lebensstil (sozialen Milieu) zuzuordnen ist. Die Zuordnung der Verstorbenen zu den Milieus erfolgte über ihre Adresse, da gleiche Milieus meist in gleichen Vierteln, Straßen und Häusern leben.

Heraus kam ein Befund, der jeden Steinmetz, der im Grabmalsektor tätig ist, freuen dürfte: „Der Trend zu einer aufwandsreduzierten Bestattungskultur scheint gestoppt“, zieht Studienleiter Dr. Frank Thieme sein Fazit. Und er ergänzt: „Bemerkenswert ist die Persistenz tradierter Grabarten.“ Demnach wurden 35 Prozent der Verstorbenen in Erdwahlgräbern und 18,5 Prozent in Urnenwahlgräbern beigesetzt. Alternative Grabarten (anonyme Grabfelder, See-, Baumbestattung, Urnennische im Kolumbarium, Urnengemeinschaftsanlagen, anonymes Aschestreufeld, Weltraumbestattungen, Aschediamant) machten bei den erfassten Verstorbenen nur 13,1 Prozent aus.

Lesen Sie in STEIN im Dezember 2015 mehr zu den neuesten Friedhoftrends.

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Spurensuche auf Slate Islands

Stein Magazin
Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

Notre-Dame lieber langsam und behutsam wieder aufzubauen. Foto: C00-Lizenz/skeez/Pixabay

Dombauhütten-erfahrene Metze sind rar

Experten halten die angesetzten fünf Jahre für die Sanierung für nicht machbar. Unter anderem, weil es nicht genügend Steinmetze gibt. Über den Status Quo der Sanierungspläne und deutsche Hilfsangebote.

Schon wenige Stunden, nachdem Notre-Dame brannte, war klar: Am Geld wird der Wiederaufbau nicht scheitern. Das wird zwar kontrovers diskutiert, ist aber Fakt – bis heute haben Spender rund 900 Millionen Euro für die Sanierung der Pariser Kathedrale gespendet. Fraglicher ist schon, wie die zerstörten Teile erneuert werden sollen: Nach historischem Vorbild oder modernen Entwürfen? Ein Dachstuhl aus Stahl statt dem Holz von über tausend Eichen? In Frankreich läuft aktuell die Bestandsaufnahme der Schäden, die Regierung hat einen Architektenwettbewerb ausgelobt. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat außerdem eine Zeitvorgabe ausgerufen, die Experten für nicht machbar halten: Er will, dass die Sanierung von Notre Dame 2024 abgeschlossen ist.

Wolfgang Zehetner, Vorsitzernder der Vereinigung der Europäischen Dombaumeister, sagt im Interview mit der Deutschen Welle, das sei vor allem in Hinblick auf die nötigen Fachkräfte schwierig. Es gebe in Europa nur noch sehr wenige Steinmetze mit Erfahrung in historischen Bautechniken.

Steinmetze und -Bildhauer sind schließlich schon generell eine rare Spezies. Doch für die Arbeit an Notre-Dame brauche es außerdem Fachkräfte, die ihre Ausbildung möglichst an einer Dombauhütte absolviert haben. Diese Bauhütten seien wie “die letzten gallischen Dörfer”. Das Handwerk auf heutigen Baustellen sehe schlichtweg völlig anders aus – industriell nämlich.

Der Bundesverband Deutscher Steinmetze will die Hilfsangebote und Ideen der deutschen Steinmetze sammeln und koordinieren. Bisher haben sich mehr als zehn Betriebe und Einzelpersonen mit konkret umrissenen Angeboten oder Ideen gemeldet. Außerdem sammeln Steinmetze und Bildhauer in einer Facebook-Gruppe zur Zeit Unterstützungsangebote, die sie dem BIV gebündelt weitergeben wollen.

Dabei könnten entweder Stücke in Betrieben und Ausbildungsstätten gefertigt und zentral nach Paris geliefert werden. Möglich wäre auch, dass Steinmetze und Lehrlinge vor Ort in Paris helfen.

 BIV-Sprecherin Sybille Trawinski sagt, die Hilfsangebote böten auch die Chance, das hohe Fachwissen und die Spezial-Kenntnisse der Steinmetze in der Denkmalpflege zu zeigen 
und auf internationalem Niveau einzubringen. Und einen Beitrag für die europäische Gemeinschaft und den Kulturerhalt zu leisten. “Nicht zuletzt geht es auch um die deutsch-französische Freundschaft und den Gemeinsinn eines Gewerks, auch über Ländergrenzen hinweg”, so Trawinski.

BIV koordiniert die Hilfsangebote von Firmen und Einzelpersonen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Denkmalpflegerin  und ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner beauftragt, sich um deutsche Hilfsangebote für die Kathedrale zu kümmern. Mit ihr steht der BIV in Kontakt. Aber es geht um mehr als ums Steinmetzhandwerk – zum Beispiel auch um deutsches Eichenholz und um Daten. Denn das Institut für Archäologische Wissenschaften, Denkmalwissenschaften und Kunstgeschichte der Uni Bamberg hat das Querhaus, das besonders unter dem Brand gelitten hat, im Rahmen eines Projekts zu gotischen Kirchenportalen von 2015 bis 2018 eingehend untersucht und mit 3D-Scantechniken vermessen.

Auch die Wissenschaftler plädieren dafür, Notre-Dame behutsam statt überstürzt zu sanieren. Kunsthistoriker Stephan Albrecht sagt in einem Arte-Interview, er halte zehn Jahre Restaurationszeit für sinnvoll. Andernfalls fürchte er um die historische Substanz. Denn schließlich dauerte der Bau einer der wichtigsten europäischen Kulturdenkmäler ursprünglich rund 200 Jahre.

Aktuelle Branchennews und Expertenwissen für Fachverarbeiter gibt es auch in der aktuellen Ausgabe des STEIN-Magazins: www.stein-magazin.de/zeitschriften