Auf Bau­stel­l­en gibt es kei­nen Lock­down

Während die meisten bürogebundenen Menschen im Moment daheim im Homeoffice sitzen, geht das Arbeiten auf der Baustelle weiter wie immer. Unser Autor Mark Kammerbauer sinniert über das Außergewöhnliche und das Selbstverständliche, über Normalität und Ausnahme – und was Architekten zur Bewältigung der Krise beitragen.

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Bau­stel­l­en be­fin­den sich zur­zeit nicht im Lock­down. (Foto: Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / “Bonn, Regierungsviertel, Baustelle -- 2017 -- 2119” / CC BY-SA 4.0)

Die Krise ist da, wir erleben sie alle und sind davon betroffen, auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen. Die staatlichen Reaktionen darauf sind von Nation zu Nation verschieden, wobei ihnen zumeist gemeinsam ist, körperliche Kontaktmöglichkeiten und virenbedingte Übertragungswege im öffentlichen Raum einzuschränken. Dies wird allgemein unter dem Begriff der „Social Distancing“ zusammengefasst. Was viele Wissenschaftler in meinem medialen sozialen Umfeld dazu bewegt hat, darauf hinzuweisen, dass es eher ein „Spatial Distancing“ sei, um das es geht. Also eine räumliche Entzerrung, denn soziale Kontakte sind ja weiterhin möglich. Diese Feststellung gilt umso mehr, wenn man im Homeoffice unter quarantäneähnlichen Bedingungen arbeitet. Nicht umsonst erlebt so manche Telekonferenzsoftware im Moment ihre 15 Minuten des Ruhms.

„Ich bin übrigens gerade auf der Baustelle“

Tatsächlich wird diese Zeitspanne wohl noch etwas länger dauern als 15 Minuten. Was jetzt schon klar ist: Der Lockdown bringt viele Wirtschaftszweige zum Erliegen und nötigt sie dazu, Anpassungsmassnahmen vorzunehmen. Restaurants bereiten Essen zum Abholen vor. Fluglinien erhalten Staatshilfen. Kreative sind und bleiben kreativ und bekommen ebenfalls und hoffentlich Hilfen, wenn nötig. Wie steht es aber um die Baustellen? Sie sind ja ein wesentlicher Schauplatz der Arbeit der Architektenschaft. Gespräche mit Architektinnen und Architekten in meinem persönlichen Freundeskreis lassen mich erkennen: Auf der Baustelle ist während der Krise vor der Krise – oder, womöglich, auch nach der Krise. Anders gesagt, auf der Baustelle scheint es keinen Lockdown zu geben.

Diese Erkenntnis kam en passant, denn man ruft ja seine Freunde nicht an und fragt, „Gehst Du auch auf Deine Baustelle?“ Eher möchte man wissen, ob sie gesund sind. Dann folgt unvermittelt, in einem Nebensatz, „Ich bin übrigens gerade auf der Baustelle.“ Dieser Nebensatz offenbart, dass das Selbstverständliche, nun, als selbstverständlich angenommen wird. In der aktuellen Lage ist das Selbstverständliche jedoch das Außergewöhnliche, und das ist durchaus bemerkenswert. Oder, in einem anderen Telefonat: „Wir kriegen gerade lauter Anfragen über Nutzungsänderungen.“ Was das heisst, kann man sich denken: Die bisherigen Mieter werden wohl die Krise nicht in den bisherigen Mieträumen aussitzen können. Was auf einen umfassenderen Satz an sozialen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt politischen Umständen der Covid-19-Krise verweist.

Death-Metal-Platten helfen, but life goes on

Wie lange der Baustellenbetrieb weitergehen wird? Hier ist der Blick nach Österreich aufschlussreich. Erst kürzlich haben die Bau-Sozialpartner eine Einigung über einen Acht-Punkte-Katalog über verschärfte Schutzmassnahmen für alle Baustellenbeteiligten erzielt. Die Gewerkschaft hatte einen Baustellen-Stopp gefordert, da Vorgaben fehlten, wie mit der Covid-19-Pandemie umzugehen sei. Zu den beschlossenen Massnahmen gehören verstärkte Arbeitshygiene, organisatorische Massnahmen oder Schutz bei Tätigkeiten, die Abstände von weniger als einem Meter erfordern. Die österreichischen Sozialpartner sind ein Zusammenschluss verschiedener Interessenvertreter, darunter die Gewerkschaft und die Wirtschaftskammer, vergleichbar der deutschen Sozialpartnerschaft und den Tarifvertragsparteien.

In den eigenen vier Wänden ist das Dahoam-Office momentan der Mittelteil eines Baustellen-Sandwichs: Im Keller werden fleißig Betonwände zersägt, um neue Durchgänge zu schaffen; dorthin wandert der bisher im Dachgeschoss befindliche Waschraum, neuen Wohnungen ganz oben weichend. Gegen den Lärm helfen meine alten Death-Metal-Platten. Und wie es weiland bei Entombed schon hieß: „But life goes on.“ Wenn der Lockdown also die Normalität ist und der Baustellenbetrieb die Ausnahme, so können zumindest die Architekten von sich behaupten, Ihren Teil zur Bewältigung der Krise beizutragen – ganz ohne Pathos. Und im gleichen Tonfall, an alle Beteiligten der Baubranche: Meistern Sie die Krise, bleiben Sie gesund.

Tipp der STEIN-Redaktion:
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