Das Handwerk muss Gas geben

Digital-Stratege Christoph Krause begleitet das Handwerk in Sachen Digitalisierung. STEIN sprach mit ihm über die Chancen und Gefahren des digitalen Wandels und die Rolle, die Plattformen dabei spielen.

Christoph Krause mischt für die Handwerkskammer Koblenz sowie unter dem Label Servicerebell traditionelle Geschäftsmodelle im Handwerk auf. In Hackathons und Barcamps entwickelt er mit Handwerkern und IT-Spezialisten IoT-Strategien, digitale Services und Vermarktungsansätze. Foto: servicerebell, Stefan Veres
Christoph Krause mischt für die Handwerkskammer Koblenz sowie unter dem Label Servicerebell traditionelle Geschäftsmodelle im Handwerk auf. In Hackathons und Barcamps entwickelt er mit Handwerkern und IT-Spezialisten IoT-Strategien, digitale Services und Vermarktungsansätze. Foto: servicerebell, Stefan Veres

STEIN: Herr Krause, wie bekommt man den Sinn fürs Digitale ins Handwerk?

Christoph Krause: Das haben manche in der Tat noch gar nicht auf dem Schirm. Ich engagiere mich für die Digitalisierung im Handwerk seit 2006, damals war das überhaupt noch kein Thema. Heute ist das besonders bei der jungen Unternehmergeneration auf jeden Fall im Fokus. Das Problem, das die Firmen haben, sind die vielen Insellösungen, die sie erst einmal zusammenführen müssen. Es ja nicht so, dass die Betriebe bislang komplett analog gearbeitet haben. Aber es fehlen die Schnittstellen zwischen den vielen Softwarelösungen. Oft sind mehr als zehn verschiedene Tools im Einsatz, die untereinander nicht kommunizieren. Da wird dann eben von A nach B kopiert – was viel Zeit und Geld kostet. Hierfür braucht es eine digitale Kette. Und an der arbeiten die Unternehmen gerade.

STEIN: Das heißt, es muss erst einmal der Datenfluss stimmen, bevor ich über so etwas wie eine Plattform nachdenken kann?

Christoph Krause: Auf jeden Fall! Ohne Daten keine Plattform und allein werden einzelne Handwerksbetriebe das auch nicht hinbekommen. Plattformen entstehen im Netzwerk. Dafür brauche ich Leute, die nicht aus dem Handwerk kommen, die etwas von IT verstehen. Deshalb haben wir mit unseren Hackathons und Barcamps Formate entwickelt, die das Handwerk mit der Informatik zusammenbringen. 

STEIN: Was wird in den Hackathons kreiert? 

Christoph Krause: Das Charmante am Hackathon ist, dass man hier nicht nur neue Ideen entwickelt, sondern sie direkt im Prototyp umsetzt. Im Verlegerbereich sind dies zum Beispiel Konzepte, die über Sensorik in der Wand oder am Boden die Feuchtigkeit messen. Daraus können völlig neue Serviceangebote entstehen. Dann installiert ein Betrieb nicht nur das Bad, sondern er kümmert sich auch darum, dass die Fläche instant bleibt. Oder Blockchain-Lösungen, die kombiniert mit Sensorik Kunden Hilfestellungen für die Oberflächenreinigung bereitstellen. Damit organisiert die Arbeitsplatte dann quasi ihre fachgerechte Reinigung selbst und der gesamte Prozess lässt sich digital steuern. Sie müssen als Verleger für solche IoT
(Internet of Things) Ansätze nur ihre einzelnen, verbauten Schichten durchgehen und überlegen, welchen Zusatznutzen die Digitalisierung hier bieten kann.

STEIN: … um daraus dann neue Services digital zu vermarkten?

Christoph Krause: Genau. Doch das Problem ist, dass vielen Unternehmen aktuell schlicht die Luft fehlt, sich mit solchen disruptiven Ideen auseinanderzusetzen. Die Auslastung ist hoch. Früher war der Handwerker für die Industrie der Performer im Verkauf. Das ist nicht mehr so, weil die Betriebe die Aufträge gar nicht mehr abwickeln können. Das Handwerk wird zum Flaschenhals. Zudem wird seine verkäuferische Performance durch Start-ups infrage gestellt. Oder die Industrie geht über eigene Plattformen selbst an die Kunden. Je modularer ich Verkauf und Service aufbaue, für desto weniger Teile im Prozess brauche ich noch den Handwerker. Die digitalen Lösungen hierfür werden gerade gebaut oder sind zum Teil schon fertig. Im Sanitärhandwerk laufen schon bis zu 1,4 Milliarden Euro Umsatz über Plattformen.

STEIN: Was ist also zu tun?

Christoph Krause: Das Handwerk muss Gas geben, digitale Kommunikation und Prozesse, Internet der Dinge, Kundenanbindung. Nicht die schicke Webseite ist der Schüssel. Ich muss den Kundenmehrwert definieren. Welchen Mehrwert biete ich mit meinen digitalen Lösungen? Schlanke Prozesse, transparente Auftragsabwicklung, Angebots- und Terminkonfiguratoren, digitale Zahlungsprozesse. Ich muss digitale Mehrwerte bieten, um weiter vornedran bleiben zu können.

STEIN: Viele Betriebe nutzen bestehende Plattformen als Eintrittstür in den digitalen Vermarktungsprozess.

Christoph Krause: Ja, das stimmt. Für kleinere Betriebe ist das auf jeden Fall ein guter Weg. Doch wenn ich einen Betrieb mit 30 oder 50 Mitarbeitern habe, kann ich mir auch ein eigenes digitales Geschäftsmodell bauen. Hierfür brauche ich jedoch Umsetzungsnetzwerke. Das heißt, ich muss Leute dazu holen, die das können, was ich nicht kann. Ich muss mit den digitalen Umsetzern in Kontakt kommen. Genau das bieten wir mit unseren Formaten an. Auf Digitalkonferenzen wurde genug geredet, jetzt geht es für das Handwerk in die Umsetzung.

STEIN: Digitalisierung braucht Vernetzung. Welche Rolle können die Innungen übernehmen? Schließlich ist keine Branche so gut regional vernetzt wie das Handwerk.

Christoph Krause: Die Innungen müssen sich zu digitalen Dienstleistern entwickeln und ihre Mitglieder in dem Prozess unterstützen. Hierfür müssten sie sich aber anders organisieren. Es macht keinen Sinn, dass jede kleine, regionale Innung an den gleichen Themen arbeitet. Die Aufgaben müssen verteilt werden. Dann entstehen Kompetenzzentren für bestimmte Themenfelder. Und die Gewerke müssen sich zusammenschließen. Für die Innungen steht ein Kulturwandel an. 

STEIN: BIM, ab 2020 für öffentliche Bauten ab fünf Millionen Euro in Deutschland verpflichtend, läuft ebenfalls über Kollaborationsplattformen. Sind hierfür alle Betriebe fit?

Christoph Krause: Auch hier muss sich das Gewerk kümmern. Mit einem kleinen Betrieb reicht mir vielleicht ein Leserecht. Aber wenn ich selbst plane, muss ich mich auseinandersetzen. Schauen, dass meine Software BIM-fähig ist, ich die Schnittstellen habe. Bis ich dieses Know-how aufgebaut habe, brauche ich eineinhalb Jahre. Ich brauche BIM-Spezialisten mit Kenntnissen aus meinem Gewerk. Da werden ganz neue Ausbildungsberufe entstehen. Für den Bestand stellt sich die Frage, wo die Daten herkommen. Dann muss ich vielleicht mal eine Drohne um Gebäude fliegen lassen, um diese zu erheben. Kaufe ich die selbst? Beauftrage ich das? Das sind Fragen, mit denen sich Inhaber auseinandersetzen müssen.

STEIN: Das heißt, eine Digitalisierungsstrategie für jeden Betrieb muss her?

Christoph Krause: Auf jeden Fall. Eine Digitalisierungsstrategie wollen mittlerweile selbst Banken sehen, wenn sie an das Handwerk Kredite vergeben. Ich muss heute in Wertschöpfungsketten denken, um meinen Unternehmenswert langfristig zu sichern. Eine Digitalisierungsstrategie ist meine Investitionsgrundlage für die Zukunft.