Dokumentarfilm „Erde“ von Nikolaus Geyrhalter

Der Regisseur zeigt an schwer zugänglichen Baustellen in Europa und Nordamerika, darunter Carrara, wie der Mensch die Erde bewegt und verändert.

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Marmorabbau in Carrara. Foto: realfictionfilme

Mehrere Milliarden Tonnen Erde bewegen Menschen jedes Jahr, mit Baggern, Bohrern, Dynamit. Damit sind wir die Kraft, die das Aussehen des Planeten am stärksten beeinflusst. Und wir gehen nicht zimperlich mit ihm um: Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter zeigt in Minen und Steinbrüchen, an Großbaustellen und Kohleabbaugebieten Menschen bei ihrer Arbeit auf der Jagd nach Rohstoffen. Er sagt: „Das Thema Erde hat mich schon lange beschäftigt, vor allem auch im Zusammenhang mit dem Begriff des Anthropozäns. Er bezeichnet ein neues Erdzeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf diesem Planeten geworden ist. Einer der wesentlichen Aspekte ist der geologische, wonach der Mensch inzwischen wesentlich mehr Erdoberfläche verschiebt als die Natur das macht.“

Maschinen sägen sich in die Marmorberge

Und so zeigt der Film zum Beispiel die Arbeit in den Marmorbrüchen von Carrara, wo heute hundert Mal mehr Blöcke abgetragen werden als noch vor dreißig Jahren. Seit sie Baggern nutzen, hat sich die Arbeit im Bruch komplett geändert, erzählt ein Steinbruch-Leiter. Früher habe sich ein Bruch innerhalb eines Jahres kaum verändert, heute erkenne man ihn schon nach 15 Tagen nicht mehr wieder. 

Die Kamera schwenkt zu den rapide schrumpfenden Bergen, zeigt sie in riesigen Luftaufnahmen, die dem Zuschauer das Ausmaß des Abbaus bewusst machen.

Ein Maschinist, der in einem Bruch im Berginneren arbeitet, kommt zu Wort: Er habe versucht, dem Marmorabbau den Rücken zu kehren. Doch die Sehnsucht nach dem Adrenalin trieb ihn immer wieder zurück. Gleichzeitig macht er sich Gedanken – der Berg wolle den Marmor eigentlich nicht preisgeben. Und hätte, so gesehen, Recht damit: „Wenn wir so weitermachen wie bisher, gibt es in 300 Jahren kein Material mehr.“ Früher habe es zwei Tage gedauert, einen Block aus dem Fels zu sägen – mit heutiger Technik: eine Stunde. 

Das durchdringende Piepen rückwärtsfahrender Radlader untermalt die Szene, das Fazit des Arbeiters fällt düster aus: Die Welt werde sich dramatisch verändern. Ob der Marmorabbau noch als vernünftiger Ressourcenverbrauch gelten kann? Eigentlich nicht. Aber ist das nicht überall so?

Unendliche Weite, vom Menschen dauerhaft verändert

Der Film zeigt am Beispiel von sechs weiteren Baustellen, darunter das Atomlager im ehemaligen Salzbergwerk Wolfenbüttel und eine Riesenbaustelle im kalifornischen San Fernando Valley: Ja, erschreckenderweise ist das wohl überall so. Aus der Vogelperspektive, der sich der Regisseur oft bedient, zeigen sich gespenstig-ausgelaugte und vor allem: unendlich riesige Landschaften. Schwer vorstellbar, dass die Natur sie jemals zurückerobern kann.

Zwischen diesen Bildern, die Geyrhalter für sich stehen und wirken lässt, kommen die beteiligten Arbeiter zu Wort. Neben hinterfragenden Statements gibt es auch solche, die sehr nachdenklich stimmen: Wenn zum Beispiel vom leidenschaftlichen „Kampf des Menschen gegen die Erde“ die Rede ist – und der Zuschauer sich unwillkürlich fragt, wer diesen Kampf, in dem beide Parteien untrennbar verbunden sind, gewinnen soll.

Film Erde
Österreich 2019
115 Minuten
Originalton mit Untertiteln
Kinostart: 4. Juli 2019
Trailer
Spielplan

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