Grabsteine aus Kinderarbeit

Über 90 Prozent des Materials für Grabsteine in Deutschland wird importiert. Auch aus Entwicklungsländern wie Indien – wo Kinderarbeit in Steinbrüchen verbreitet ist. Hannover und Niedersachsen wollen eine Novelle verabschieden, um Grabsteine aus Kinderarbeit verbieten zu können.

Friedhof
Material für Grabsteine stammt zum Teil aus Ländern, wo Kinderarbeit in Steinbrüchen verbreitet ist. Foto: Pixabay

Die indische Kinderrechtsorganisation Bachpan Bachao Andolan berichtet, dass in Indien etwa 100.000 Kinder in Ziegeleien und Steinbrüchen arbeiten. Daraus bezieht Deutschland billiges Material für Grabsteine: nach Schätzung des Deutschen Naturwerkstein-Verbands stammen 50 Prozent unserer Grabsteine aus Indien, andere Experten sprechen von 80 Prozent.

Friedhofssatzung in den Ländern

Einige Länder wie Saarland, Bremen und Baden-Württemberg haben die Grabsteine aus Kinderarbeit per Friedhofssatzung verboten. Eine solche Novelle wollen auch der Landtag in Hannover und Niedersachsen verabschieden, sodass die Kommunen Grabsteine aus Kinderarbeit verbieten können. Die niedersächsische Grünen-Politikerin Anja Piel argumentiert gegen dieses Prinzip: „Wenn die Sozialministerin das haarsträubende Problem der Kinderarbeit erkennt, warum verbietet sie die Verwendung solcher Grabsteine nicht einfach für ganz Niedersachsen?“

Nachdem in Nürnberg seit 2009 Grabsteine aus Kinderarbeit verboten wurden, breitete sich die Debatte auf Bayern aus. Lange war umstritten, ob ein entsprechendes Gesetz zu sehr in die Berufsfreiheit der Steinmetze eingreifen würde. Inzwischen hat der Freistaat aber eine gesetzliche Grundlage für Verbote geschaffen, weshalb nun immer mehr Kommunen einen Herkunftsnachweis verlangen, wie aus einem Bericht der Mittelbayerischen im letzten Jahr hervorgeht.

Fair-Trade-Siegel für Grabsteine?

Einige Gemeinden in Deutschland fordern: Die Angehörigen des Toten sollen einen Nachweis über die Herkunft des Steins nachweisen, im Fall dass er nicht aus einem EU-Land kommt. In der Praxis würde voraussichtlich der Steinmetz den Nachweis erbringen.

Zertifikate über Fair-Trade-Steine werden zum Beispiel von der Organisation Xertifix ausgestellt. Sie besucht Steinbruch-Standorte in Indien unangekündigt, um die Arbeitsbedingungen zu prüfen.

Die Kinder der Kinderarbeit

Walter Eberlei ist Professor am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen. Er erklärt, dass es weltweit einen Rückgang der Kinderarbeit in Steinbrüchen gebe – dennoch sagt er: „Ob Pflastersteine, Steine zur Gartengestaltung, Grabmäler oder Einfassungen für Gräber – die Gefahr, dass nach Deutschland importierter Naturstein durch Kinderhände gewonnen oder bearbeitet wurde, ist real.“

Außerdem berichten Menschenrechtsorganisationen weiterhin über hunderttausende Fälle, bei denen Kinder unter schlimmsten Bedingungen in Steinbrüchen arbeiteten.

Nach Angaben von Xertifix liegt die Lebenserwartung der indischen Kinder bei 30 bis 40 Jahren. Eine hohe Belastung ist der Steinstaub, dem die Kinder ohne Atem-, Ohr- und Augenschutz ausgeliefert sind – bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius. Die Folgen sind Taubheit und die Erkrankung an der tödlichen Staublunge.

In der STEIN-Ausgabe im Juni berichten wir ausführlich über das Problem des Staubes in indischen Steinbrüchen. Dafür konnten wir die Spiegel-Autorin Petra Sorge gewinnen, die persönlich vor Ort in Indien recherchiert hat.