Nach der Krise Flexibilität beibehalten

Benedikt Tratt vom Münchner Ludwig-Fröhler-Institut hat die Auswirkungen der Coronakrise auf das Handwerk mit jenen der Finanzkrise verglichen. 2009 hat sich das Handwerk als Stabilisator für die Gesamtwirtschaft erwiesen. Doch das sind nicht die einzigen Erkenntnisse.

STEIN: Herr Tratt, wie krisenfest ist das Handwerk 2020 aus Ihrer Sicht?

Benedikt Tratt: Pauschal lässt sich nur schwer eine Aussage treffen, da die einzelnen Gewerke von der Krise sehr unterschiedlich betroffen sind. Gerade im Baubereich hat man das Glück, dass man auf sehr gute Jahre zurückblicken kann und auch die Zinsen für die Fremdfinanzierung günstig sind. Bis zum Sommer waren die meisten Betriebe zudem noch sehr gut ausgelastet. Viele Inhaber sind 2020 jedoch tatsächlich erstmals mit den Herausforderungen eines krisengerechten Managements konfrontiert. Besonders betroffen sind hierbei die Solo- Selbstständigen, weil sie deutlich weniger Rücklagen bilden können und auch gebildet haben.

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STEIN: Wie beurteilen Sie die staatlichen Maßnahmen für Unternehmen in der Coronakrise? Sind sie ausreichend?

Benedikt Tratt: Deutschland hat bislang mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandproduktes des vergangenen Jahres mobilisiert. International ist das ein hervorragender Wert. Zum Vergleich: In den USA sind es nur zehn Prozent des letztjährigen BIP. Zudem hat man sehr schnell reagiert und geschaut, dass das Geld zügig dort ankommt, wo es gebraucht wird. Eine Zeit lang war die Abwicklung in den Behörden oder über die Hausbanken ein Engpass, aber das hat sich weitgehend geklärt. Ähnlich wie in der Finanzkrise profitieren auch 2020 die Unternehmen, die eine enge Beziehung zu ihrer Hausbank haben.

STEIN: Das Ludwig-Fröhler-Institut hat auch die Auswirkungen der Finanzkrise 2008/2009 auf das Handwerk untersucht. Welche Lehren lassen sich ziehen?

Benedikt Tratt: Die Finanzkrise hatte für das Handwerk vor allem Auswirkungen auf die Unternehmensfinanzierung, das heißt die Anforderungen an die Sicherheiten stiegen und es kam zu einer nachgelagerten Kreditkrise. Das sollte die Politik 2020 bedenken, damit sich dies nicht wiederholt. Umgekehrt sollten die Unternehmen ihre Eigenkapitalquote im Blick behalten. Kurzfristige Hebel gibt es hier jedoch nicht allzu viele. Gängig sind Instrumente wie das Saleand- Lease-Back von Maschinen oder die Veräußerung von Inventar, soweit das möglich ist.

„Flexibilität schaffen“

STEIN: Wie sollte eine krisengerechte Betriebsführung aussehen, jetzt, wo klar ist, dass uns die Pandemie noch eine ganze Weile beschäftigen wird?

Benedikt Tratt: Flexibilität schaffen – weil sich nach wie vor die Rahmenbedingungen beinahe im Zweiwochenrhythmus ändern. Fixkosten senken, was die meisten von Umsatzrückgängen betroffenen Unternehmen über die Kurzarbeiterregelung bereits getan haben. Wichtig bleiben funktionierende Notfallpläne: Was passiert, wenn die Geschäftsführung oder wichtige Mitarbeiter ausfallen? Wenn nur ein Mitarbeiter eine bestimmte Maschine im Unternehmen bedienen kann, dann sollte ich vorbereitet sein für den Fall, das er ausfällt. Wer vertritt den Inhaber, die Inhaberin? Wer hat Zugriff auf die wichtigsten Unterlagen? Und: Die Belegschaft weiterhin in Schichten einteilen, damit man sich so wenig wie möglich begegnet. Hier einfach konsequent bleiben – auch wenn es über den jetzt doch langen Zeitraum anstrengend wird und nervt.

STEIN: Welche Empfehlungen geben Sie in Bezug auf Hilfsmaßnahmen und Überbrückungskredite?

Benedikt Tratt: Grundsätzlich empfehlen wir, die Maßnahmen rechtzeitig anzunehmen und nicht zu warten, bis es zu spät ist. Das heißt, Kurzarbeit gegebenenfalls präventiv anzumelden, auch wenn die Auslastung aktuell noch stimmt. Wird absehbar, dass die Liquidität leiden könnte, die Fremdfinanzierung rechtzeitig anzuschieben. Jetzt werden die Gelder verteilt, später wird es wieder deutlich schwieriger werden, an Liquidität und Fremdkapital heranzukommen.

Lesen Sie das gesamte Interview in der STEIN 7/2020.