Neues Museum in Dundee

Es ist die erste Zweigstelle des Victoria-and-Albert-Museums außerhalb Londons und gleichzeitig Schottlands erstes Designmuseum: Kengo Kumas Neubau ist Auftakt und Kernstück der umfangreichen Entwicklung des ehemaligen Hafengeländes von Dundee. Ein Anfang, an den sich viele Hoffnungen knüpfen – gestaltet mit Steinmaterialien aus England und Irland, die teils natürlich sind und teils die Natur imitieren. Sabine Schneider, Redakteurin beim renommierten Architekturmagazin BAUMEISTER, war vor Ort und hat sich den Komplex angesehen.

 

Die viertgrößte Stadt Schottlands beheimatet seit Kurzem die neue Zweigstelle des Victoria-and-Albert-Museums. Mit Begeisterung sprechen vor allem die Einheimischen von dem Bau, und seit der Eröffnung letzten September bilden sich lange Besucherschlangen. Die Initiative zu diesem Projekt geht auf eine Idee der Universität Dundee im Jahr 2007 zurück, deren Designlehrstuhl eng mit dem Londoner V & A zusammenarbeitet. Bald sprangen Stadt und verschiedene Institutionen auf, um die Idee umzusetzen und 2010 einen Wettbewerb auszuschreiben.

Bauwerk mit Mantel

Der japanische Architekt Kengo Kuma hatte mit seinem Entwurf überzeugt: Sein auf den ersten Blick verschlossen und massig wirkendes Gebilde steht an der Mündung des Flusses Tay zum Meer. Hält man bei der Anfahrt nach dem neuen Museum Ausschau, ragt ein gewaltiger dunkler Schiffsbug wie ein Tanker am Ufer hervor. Umso näher man kommt, desto mehr löst sich der kantige Baukörper auf: Helle Rippen umschließen ihn, eine Art locker und grob gestrickter Mantel, der zur Seite geschlagen wird, wo Eingänge liegen und dessen Gewebe ausfranst, wo eine größere Glasfläche zur Belichtung gebraucht wird.

Der Architekt Maurizio Mucciola hat acht Jahre im Büro Kengo Kuma gearbeitet und wurde Projektleiter des Dundee-Museums – er erzählt, wie es zu diesem Entwurf kam: Zusammen mit Kengo Kuma sei er in der Wettbewerbsphase 2010 durch Schottland gereist, um nach Inspiration und Referenzen zu suchen. Dabei stießen sie auf das Foto einer Felsformation auf den nordschottischen Orkney-Inseln (kleines Schwarz-Weiß-Bild), einem wild zerklüfteten Küstenstrich aus rauem, hartem Sandstein. „Dieses Bild“, sagt Maurizio Mucciola, „hat Kengo Kuma sehr beeindruckt, denn es war für ihn der Inbegriff der Verbindung von Wasser und Land. Was ja auch beim Wettbewerbsgelände in Dundee der Fall ist.“

Zur Fassade

Rundum wird das neue Museum von Wasserflächen umgeben, die die 2.429 Rippen der Fassade vielfach wie Wellen widerspiegeln. Hunderte, einzeln gegossene Betonriegel sind in unregelmäßigen Reihen mit Abstand vor die Betonwand montiert, unterbrochen nur von kleinen, lukenartigen Fenstern. Die Geschichte dieser Fassade ist die einer langen Suche nach der richtigen Lösung: Kuma und Mucciola waren zunächst überzeugt, dass das Museum eine Natursteinfassade erhalten sollte. Denn schottische Städte sind traditionell geprägt von ihren regionalen Steinvorkommen. Letztlich kamen die Architekten aber zu dem Schluss, dass es zwar „kein Kunststein werden sollte, aber eine künstliche Mischung, die natürlich wirkt“, erklärt Mucciola. Nach vielen Tests mit verschiedenen Betonmischungen und Fassadenmustern vor Ort in jeder Witterung haben sie zusammen mit dem irischen Hersteller Techrete die geeignete Variante für die Betonelemente gefunden. Um dem ökologischen Gedanken kurzer Transportwege treu zu bleiben, wurden die Bauteile im Techrete-Werk in Brigg, North Lincolnshire, gefertigt, nur sechs Stunden Fahrt von Dundee entfernt. So ganz möchten sie mit der Rezeptur nicht herausrücken, nur so viel sagen, dass es sich um Zuschläge aus relativ grobem Kies handelt.

Im Inneren

Eine gebogen geformte Halle empfängt die Besucher warm und freundlich: Sie ist bis zur Decke mit handfesten, losen Holzschindeln verkleidet – MDF-Platten mit Eichenfurnier, dazwischen rahmen kleine Aluprofile Ausblicke auf den Fluss. Ein dunkel schimmernder Boden aus irischem Kalkstein fasst die unterschiedlichen Nutzungsbereiche im Erdgeschoss zusammen. Auch für diesen Bodenbelag haben sich die Architekten auf die Suche begeben und stießen bei ihrer Materialrecherche auf „Irish Blue Limestone“ der Kilkenny Limestone Quarry Ltd. Das Unternehmen verfügt mit dem Kellymount Quarry bei Paulstown, Kilkenny, über den größten Steinbruch für diese Natursteinsorte und ist auch deren größtes Verarbeitungszentrum. Bei einem Besuch vor Ort präsentierten die Betreiber unterschiedliche Lagen und stellten dann überrascht fest, dass die Architekten nicht wie üblich die ruhigen, einfarbig schwarzen Stücke bevorzugten, sondern die anthrazitfarbenen Blöcke mit zahllosen fossilen Einschlüssen. Für Kengo Kuma und Mauricio Mucciola stellten diese eben wieder jene Verbindung von Wasser und Land dar, die zum Leitmotiv ihres Entwurfs geworden war.  

Lesen Sie den vollständigen Artikel in unserer STEIN-Ausgabe 01/2019.