Spurensuche auf Slate Islands

Stein Magazin
Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein – eine sinnliche Suche nach Leblosem.

Der Gedichtband „Schiefern“ von Esther Kinsky erkundet die Analogie von menschlicher Erinnerung und metamorphem Gestein. Foto: Suhrkamp

Der Gedichtband „Schiefern“

Auf der Karte sind es kleine Flecken vor der Westküste Schottlands, so klein, dass es leicht ist, sie zu übersehen. Man muss sie gezielt aufsuchen, um sie zu finden. Man stößt nicht einfach auf sie. Die Inneren Hebriden Schottlands, eine Inselgruppe am oberen Zipfel des Britischen Königreichs, sind eine beliebte Reiseregion. Wer hierherkommt, sehnt sich nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem Zerklüfteten. Nach salzigem Wind, der sich in Haaren und Kleidung verfängt und sie starr werden lässt. Nach dem Atlantik, dessen Wogen an das schwarze Gestein prallen. Gneise. Granit. Basalt. Schiefer.

Esther Kinsky, Übersetzerin und Lyrikerin und 2018 für „Hain. Geländeroman“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet, hat dem Schiefer und der Region, in dem das Sedimentgestein jahrhundertelang abgebaut wurde, einen Gedichtband mit dem so einfachen wie bezeichnenden Titel „Schiefern“ gewidmet.

Die Steinbrüche auf Slate Islands sind noch da, die Überbleibsel einer inzwischen stillgelegten Industrie auch. Kinsky begibt sich auf Entdeckungsreise und verpackt ihre Naturbeobachtung in Worte, die rätselhaft zu entziffern sind und hinfortreißen in die Entlegenheit der Inneren Hebriden, zum schwarzen tosenden Meer, über dem der Leser wie ein unsichtbar Schwebender im Gedankenraum treibt, den Kinsky mit ihren Worten spinnt.

Genau dort, in diesem Gedankenraum, sind auch die Analogien zwischen etwas durch und durch Leblosem und Menschlichem zu finden. Nur wenige Menschen stecken in diesem dreiteiligen Band, das Menschliche jedoch fehlt ihm nicht. Es ist sogar ganz erstaunlich, wie sinnlich über Gischt tragende Wellen und „platten mit einer / oberfläche wie versteinerter leiser wellengang“ geschrieben werden kann, ohne in kitschige Romantik abzurutschen.

„Nature Writing“

Natur verleitet bereits seit dem 18. Jahrhundert Schriftsteller dazu, über sie als Hauptprotagonistin zu schreiben. „Nature Writing“ nennen sich im Angelsächsischen die ausschweifenden literarischen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen, Blumen, Wolkenbrüchen. Auf Deutsch hat sich der Begriff der „Naturpoesie“ oder auch „Naturlyrik“ eingebürgert. Esther Kinsky sticht seit Jahren mit solcher Naturpoesie in der Literatur hervor.

2013 flicht sie in „Naturschutzgebiet“ ausgehend von einem verwahrlosten Stadtpark vier Gedichtzyklen über Verfall und Wachstum. Ordnet man Kinskys Werk nun der Gattung des „Nature Writing“ zu, widerspricht sie gern. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie einmal, sie sähe sich nicht in der Tradition des Nature Writing. Zu diffus sei dieser Begriff, zu ausufernd darin, was er umschließt und was nicht. „Nature Writing“ kann alles sein, sagt sie. Warum dann nicht auch ihre neueste Arbeit „Schiefern“, möchte man entgegenhalten?

Die Schichten der Zeit

Früh fällt in „Schiefern“ das Wort der Erinnerung „als raum der abwesenheiten, bewegt von der durchsichtigen hand unberechenbarer synapsen und unwägbarer verschiebungen von ablagerungen in den langsam entstandenen und vertieften furchen und falten des hirns“. Kinsky geht es um die Schichten der Zeit, die sich über Erinnerungen lagern. Erst ganz sacht, dann deutlicher zieht sie sprachliche Parallelen zwischen menschlichem Gedächtnis und der konservierten Geschichte auf der Oberfläche der Gesteinsbrocken, an der die Gezeiten und Zeiten vorübergingen, über Millionen von Jahren hinweg.

Im Stein liegt das Vergangene konserviert, sie müsse nur anhand seiner Falten abgelesen werden, als wäre der Stein ein alter, lieb gewonnener Greis, dessen verwittertes Gesicht die Spuren des Lebens tragen. Kinsky schreibt von „zeichen ohne hand und fuß / im stein auf die sich keiner / einen reim zu machen weiß / als den größtmöglicher vergangenheit“.

„Schiefern“ könnte die moderne Fortsetzung von Adalbert Stifters 1853 erschienenen Erzählungen „Bunte Steine“ sein und sich einreihen in die Titel „Granit“, „Kalkstein“ und „Turmalin“. Doch so tückisch idyllisch die detaillierten, biedermeierlichen Naturdarstellungen Stifters sind, so wenig lieblichheimelig sind auch Kinskys beschriebene Slate Islands. Die Kühle der Umgebung schneit in ihren Worten hindurch. Da liegt eine Härte in ihnen, die man sich nicht wegdenken möchte.

Information zum Buch

Esther Kinsky: Schiefern.
D: 24,00 Euro
A: 24,70 Euro
CH: 34,50 Schweizer Franken
Erschienen: 23.03.2020
Gebunden, 103 Seiten
ISBN: 978-3-518-42921-1

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Kreativ und am Puls der Zeit: Lebenssteine

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Ulrike Horn ist Dozentin für Deutsch und Gestalten an einer Berufsfachschule, PR-Beraterin und Kommunikationstrainerin mit verschiedenen Lehraufträgen für Verhandlungsführung sowie Rhetorik, gleichzeitig ist sie gelernte Steinmetzin. Sprache und Handwerk charakterisieren ihre berufliche Laufbahn. Sie kennt die Problematik des sich wandelnden Marktes im Grabmalbereich und die mangelnde Nachfrage nach kreativen Natursteinobjekten. Für sie kein Grund, den Kopf  in den Sand zu stecken. Sie entwickelte eine innovative Produktidee für das Steinmetzhandwerk: Mit dem Begriff „Mein Lebensstein“ bezeichnet sie Natursteinarbeiten, die als individuelle Wohlfühlobjekte mit Selbstdarstellungswert die Kreativität des Handwerks in den Vordergrund rücken.

Wie kamen Sie zum Steinmetzhandwerk?

Den Wunsch Bildhauerin zu werden, hatte ich schon als Jugendliche, doch auf Anraten meiner Eltern studierte ich erst Germanistik. Ich hatte ein Faible für Sprache und genoss die Studienjahre. Den Traum von der Bildhauerei gab ich jedoch nicht auf. Noch während der Abschlussprüfungen begann ich mit der Lehre an der Dombauhütte in Bamberg. Nach mehrjährigen Erfahrungen in der PR-Branche und im Journalismusbereich konnte ich die Ausbildung beenden. An eine weiterführende Arbeit als Bildhauerin war in unserer Werkstatt jedoch nicht zu denken, weil aufwendige und kreative Objekte kaum nachgefragt waren. So orientierte ich mich neu, besann mich auf mein Studium und wurde Kommunikationstrainerin und Dozentin in der Erwachsenenbildung. Hier ergab sich bald eine Verbindung zum Steinmetzhandwerk. Ich biete in Ingolstadt und Wunsiedel immer wieder Kommunikationsseminare für Steinmetze/-innen an, halte Vorträge (z.B. zu den Lebenssteinen) und berate Steinmetze/-innen in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Textgestaltung.

Wie entstand die Produktidee der Lebenssteine?

Ich habe selbst erlebt, dass keine große Nachfrage nach kreativen Steinmetzen besteht. Obwohl ich überzeugt bin, dass die Faszination für das Handwerk eigentlich ungebrochen ist. Das Handwerk ist attraktiv, nur das Produkt „Grabstein“ im herkömmlichen Sinn wollen immer weniger Menschen haben. Natürlich werden die wenigen wunderschönen deutschen Friedhöfe als weitläufige Parks ihre Attraktivität behalten. Doch die unzähligen kleinen Friedhöfe in Stadt und Land werden mittelfristig keinen Grabsteinmetzen mehr ernähren. Für mich folgt daraus, dass der Steinmetz sich auf seine Wurzeln besinnen muss. Es gab ein Leben vor dem Grabstein. Eine Zeit in der Steinmetze Burgen, Schlösser, Kirchen und Kathedralen bauten und mit wunderbaren Kunstobjekten ausstatteten. Dazu brauchen wir ein neues Produkt! Frühere Generationen ließen stolz und selbstbewusst Bildnisse und Portraits aus Stein anfertigen. Ich sehe im „Lebensstein“ die ideale Ausdrucksform für unsere Zeit.

Was ist ein Lebensstein nun genau?

Man könnte sagen, „Mein Lebensstein“ ist Lebensgefühl zum Anfassen. Er ist ein Stück Natur von Hand gemacht. Dabei bringt „Mein Lebensstein“ eine optimistische Grundhaltung zum Ausdruck: Er steht für Vitalität und Lebensfreude. „Mein Lebensstein“ spricht Menschen an, die ihr Leben selbstbewusst gestalten und bereit sind, für ein schönes und individuell gestaltetes Objekt etwas auszugeben. Sicher kennen Sie auch den Seufzer: „Ach, das ist aber ein schöner Stein. Der ist eigentlich viel zu schön für den Friedhof!“ – da sage ich: “Richtig!” Viele Objekte sind tatsächlich zu schade für den Friedhof, weil sie dort keiner sieht! Warum machen wir so etwas Schönes nicht einfach für Menschen, die sich daran freuen können? Warum stellen wir schöne Objekte nicht in unseren Garten, in die Firma, ins Haus oder in die Wohnung? Warum genießen wir nicht im täglichen Leben die positive Kraft, die von einem solchen Objekt mit bleibendem Wert ausgeht? So ein Objekt eröffnet auch dem kreativen Steinmetz neue Chancen. „Mein Lebensstein“ bietet ihm neuen Gestaltungsfreiraum und erweitert sein bisher bestehendes Angebot. Als positives, kraftvolles Natursteinobjekt verjüngt er darüber hinaus das Image des Steinmetzhandwerks.

Wie sollte ein Steinmetz vorgehen, wenn er ein solches Produkt vermarkten will?

Das Tagesgeschäft in einem normalen Steinmetzbetrieb ist unglaublich hektisch. Zwischen Kundenberatung, Telefon, Friedhof und Werkstatt bleibt definitiv keine Zeit, ein Produkt zu vermarkten, für das es noch keine Nachfrage gibt. Ich denke, wir müssen zunächst eine Nachfrage schaffen. Kunden müssen auf das Produkt aufmerksam werden. Dabei muss man ganz klar sehen, dass nicht jeder Steinmetz handwerklich in der Lage wäre, einen Lebensstein anzufertigen. Wer nur mit Importsteinen handelt, ist sicher nicht der richtige Ansprechpartner für einen Kunden, der einen Lebensstein möchte. Umgedreht kann der Kunde von außen nicht beurteilen, wie kreativ ein Steinmetz tatsächlich ist. Der Laie kann ja die fertig gekauften Import-Gartenobjekte kaum von den handgearbeiteten Stücken unterscheiden. Hier sehe ich meine Aufgabe. Ich stelle die Verbindung her zwischen dem Kunden und einem Steinmetz. Dreh- und Angelpunkt ist hierbei das Internetportal www.mein-lebensstein.de.

Was bietet diese Plattform?

Das Portal bietet eine Galerie, in der Steinbildhauer/-innen ihre Lebenssteine vorstellen. Während der Landesgartenschau Bayreuth sind in dieser Galerie die sieben Objekte der Sieger des ersten bundesdeutschen Lebenssteine-Wettbewerbs für Meisterschüler/-innen und Steinmetzmeister/-innen in Bayern ausgestellt. Für den Wettbewerb im Rahmen der Landesgartenschau waren Steine gesucht, die Lebendigkeit ausstrahlen und zum Dialog einladen. In Zukunft steht das Portal allen Steinbildhauer/-innen offen. Sie können jederzeit ihre Lebensstein-Vorschläge einreichen.
Die Kunden hingegen können sich informieren und die präsentierten Steine natürlich auch erwerben. Arbeiten, die ihnen gefallen, können sie direkt über die Seite auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken teilen. Für Kunden, die einen individuellen, eigenen Stein anfertigen lassen möchten, eröffnet das Portal die Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen sozusagen „begleitet zu entwickeln“. Der Kunde konkretisiert im ersten Schritt mit einem kleinen Fragebogen seine Wünsche. Im zweiten Schritt kann er sich Skizzen und Modelle anfertigen lassen, um eine genaue Vorstellung von seinen Lebensstein zu gewinnen, bevor er schließlich im dritten Schritt einen Steinmetzen mit der Umsetzung beauftragt.

Erfahren Sie hier mehr zu unserer Interviewpartnerin Ulrike Horn. STEIN informiert Sie über die weiteren Entwicklungen im Zusammenhang mit der Produktidee „Mein Lebensstein“. In STEIN im März 2016 können Sie ein Interview mit einem Sieger des Lebenssteine-Wettbewerbs, Günter Schinn, nachlesen.

 

Massivoptik versus Massivausführung

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geklebt und bewehrt: Basaltina-Küchenarbeitsplatte bei den Natursteinwelten in Zülpich mit perfekt angearbeiteter Gehrung und GFK-Armierungsbalken. Foto: Michael Spohr

Immer häufiger sehen Küchenarbeitsplatten, aber auch Treppenstufen, Fensterbänke und Waschtischplatten massiv aus, obgleich sie es nicht sind. Mit den heute verfügbaren Maschinen und Werkzeugen lassen sich dünne Platten so perfekt auf Gehrung schneiden und zusammenkleben, dass die Kantenausführung eine Massivausführung nur vortäuscht. Das Nachahmen einer erfolgreichen Gestalt bezeichnet in der Biologie eine Form des „Mimikry“. Was Tieren Überlebensvorteile verschafft, wirkt sich im hochwertigen Innenausbau wirtschaftlich vorteilhaft aus.

Das heißt allerdings nicht, dass die sogenannte Komposit-Bauweise mit Jollykante der Massivausführung generell überlegen ist – insbesondere nicht, wenn man die verschiedenen Materialien betrachtet: Wer auf Naturstein als Arbeitsplattenmaterial setzt, hat gegenüber seinen Kunden einen unschätzbaren Vorteil auf seiner Seite: Im Unterschied zu den Kunstprodukten aus Engineered Stone und Keramik gibt es vier Zentimeter starke und auf Wunsch auch noch dickere Natursteinplatten oder gar Blöcke. In Anbetracht des Trends zum Natürlichen und Unverfälschten ist zu erwarten, dass immer mehr Arbeitsplatten-Interessenten dem massiven Stein als ein Premiumprodukt zugetan sein könnten.

Nicht von ungefähr stehen von Lapitec und Dekton bereits bis zu 30 Millimeter starke Keramikplatten zur Verfügung. Und auch Engineered Stone ist in bis zu 30 Millimeter Stärke zu beziehen, beispielsweise bei Silestone oder Stone Italiana. Diese Materialien lassen sich massiv verarbeiten und als Küchenarbeitsplatten mit den verschiedensten Kantenausführungen ausliefern – von der gefasten Ausführung über den Viertelstab bis zum Rundstab, auch „Bullnose“ genannt. Eine bossierte Kante etwa oder auch eine scharrierte befinden sich jedoch nicht in den Programmen der Anbieter der Kunstprodukte. Diese die handwerkliche Arbeit betonenden Ausführungen bleiben dem Naturstein vorbehalten und offenbaren das unverfälschte Naturmaterial.

Gleiches gilt für die typische Stärke der Naturstein-Massivplatten von vier Zentimetern: Hier sind nicht nur vielfältige Kantenbearbeitungen, sondern auch etliche Kantenprofil-Formen möglich. Falzausfräsungen in den verhältnismäßig dicken Platten gestatten zudem den flächenbündigen Einbau von Spülen und Kochfeldern. Und bei Unterbaubecken lassen sich die Sichtausschnitte schleifen sowie mit einem den Ablauf verbessernden Rundradius polieren; Abtropfrillen können zusätzlich eingefräst werden.

Mehr zum Vergleich von Schein und Sein, Massivoptik und Massivausführung, in STEIN im Januar 2016.